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Latein für Juristen
Einige Sprichwörter und Texte zur
Einführung
Sebastian Schneider, Lehrstuhl Prof. Dr.
Thomas Finkenauer, M.A.
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Latein für Juristen
A) Begriff des Rechts; Einteilung des Rechts
I. Ulp.-Cels. D. 1, 1, 2 pr.
Ius est ars boni et aequi.
Das Recht ist die Kunst des Guten und Angemessenen.
•
Ius, iuris n.: das Recht, vgl. Rechtswissenschaft in Österreich oder den Begriff
Justiz; bei uns Iura (Pl.: ursprgl. weltliches und kirchliches Recht)
•
ars, artis f.: Kunst, Kenntnis, Wissenschaft; auch Handwerk
•
bonus, -a, -um: gut, rechtmäßig; vgl. bon (franz.), buono (ital.)
•
aequus, -a, -um: billig, angemessen;
•
bonum et aequum: die Rechtlichkeit und Billigkeit; vgl. equity im englischen Recht
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Latein für Juristen
II. Inst. 1, 1, 4
Publicum ius est, quod ad statum rei Romanae spectat, privatum, quod ad
singulorum utilitatem pertinet.
Öffentliches Recht ist, was sich auf den Zustand des römischen Staates bezieht,
privates Recht ist, was das Interesse der Einzelnen betrifft.
• Publicus, -a, -um: öffentlich; vgl. public (engl./franz.), in Art.6 EGBGB den ordre
public- Vorbehalt
• res Romana: der römische Staat; wörtlich: die römische Sache
• spectare: schauen; daher: Spektakel
• privatus, -a, -um: selbsterklärend; privare = befreien
• singulus: der Einzelne; daher: Single, Singularität
• utilitas, utilitatis f.: Nutzen
• Vgl. heute Einteilung öffentliches und privates Recht
• vgl. Interessentheorie zur Normqualifizierung bei § 40 I VwGO / § 13 GVG
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Latein für Juristen
III. Inst. 1, 2 pr.
Ius naturale est, quod natura omnia animalia docuit.
Naturrecht ist, was die Natur alle Lebewesen gelehrt hat.
• Omnis, -e: alles, ganz; Omnibus: für alle
• animal, animalis n.: das Lebewesen, das Geschöpf
• Begriff entstammt der griechischen Philosophie (Aristoteles, Pythagoras)
• in Rom: Naturrecht ~ ius gentium (das für alle Menschen verbindliche, auf der
Amtsgewalt des Prätors beruhende Recht)
• vgl. Naturrechtsepoche in der Privatrechtsgeschichte der Neuzeit (Grotius,
Pufendorf)
• vgl. heute § 90a BGB
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Latein für Juristen
IV. Inst. 1, 2, 12
Omne autem ius, quo utimur, vel ad personas pertinet vel ad res vel ad
actiones.
Alles Recht aber, das wir anwenden, bezieht sich auf Personen oder Sachen oder
Klagen/A nsprüche.
• Uti, utor, usus sum: benutzen, anwenden
• res, rei f.: die Sache
• Actio, actionis f.: Die Klage i.S. eines subjektiven Rechts, eines Anspruchs; vgl. den
historischen Streitgegenstandsbegriff im Zivilprozessrecht
• Dreiteilung des Privatrechts, sogenanntes Institutionensystem
• 5 Bücher des BGB : Personen
Sachen
Ansprüche
•
AT FamilienR SachenR ErbR
SchuldR
vgl. ursprüngl. Dreiteilung des Code civil (F) und des ABGB (A)
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V. G. 3, 88
Omnis enim obligatio vel ex contractu nascitur vel ex delicto.
Denn jede Verpflichtung entspringt entweder aus einem Vertrag oder aus einem
Delikt.
• Obligatio, obligationis f.: Verpflichtung, Schuldverhältnis, Verbindlichkeit; vgl.
obligation in F und GB
• contractus, contractus m.: der Vertrag; vgl. contract in GB und contrat in F
• delictum, delicti n.: die unerlaubte Handlung, das Vergehen/Verbrechen; daher
der Delinquent oder das corpus delicti (die Tatwaffe, generell das Beweismittel)
• im röm. Recht kaum strafbare Delikte, dafür zivilrechtliche Strafklagen, oft auf das
Doppelte oder Vierfache der Schadenssumme (z.B. actio furti: Diebstahlsklage)
• Vgl. heute: Vertragliche und gesetzliche Schuldverhältnisse
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B) Rechtswissenschaft
I. Inst. 1, 1, 1
Iuris prudentia est divinarum atque humanarum rerum notitia, iusti atque
iniusti scientia.
Die Rechtswissenschaft ist die Kenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge, das
Wissen vom Rechten und Unrechten.
• Prudentia: eigentlich Klugheit; in jur. Zusammenhängen iurisprudentia =
Rechtswissenschaft
• divinus, -a, -um: göttlich; vgl. divine (GB)
• humanus,-a,-um: menschlich; vgl. Humanismus, Human Resources (modisch für
Personal)
• notitia: die Kenntnis; vgl. Notiz
• scientia: das Wissen, das Bewusstsein; vgl. Science und Conscience (GB)
• vgl. Gen. 3, 5 (Vulgata): Eritis sicut deus scientes bonum et malum
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II. Ulp. D. 1, 1, 1, 1
Cuius merito quis nos sacerdotes appellet: iustitiam namque colimus et boni
et aequi notitiam profitemur, aequum ab iniquo separantes, licitum ab illicito
discernentes […].
Mit Grund kann man uns Priester der Gerechtigkeit nennen: Denn wir dienen der
Gerechtigkeit und lehren das Wissen vom Guten und Gerechten, indem wir Recht von
Unrecht trennen und Erlaubtes von Unerlaubtem scheiden.
• Ulpian: Hochklassischer Jurist, viele Digestentexte von ihm
• Sacerdos, sacerdotis m.: Priester
• colere, colo, colui, cultum: pflegen, verehren; daher: Kult, Kultur, culture etc.
• profiteri, profiteor, professus sum (Deponens): bekennen, erklären, angeben
• separare: trennen (hier als Partizip Präsens Aktiv)
• licitus, -a, -um: erlaubt, daher z.B. illicite (F)
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III. Just. C. 7, 45, 13
Non exemplis, sed legibus iudicandum est.
Nicht nach Präzedenzfällen, sondern nach den Gesetzen muss geurteilt werden.
• Justinian: spätantiker Kaiser, hat Corpus Iuris Civilis veranlasst
• Exemplum: Beispiel; hier: Präzedenzfall; vgl. example (GB) und exemple (F)
• lex, legis f.: das Gesetz; vgl. legal, Legaldefinition, Legalzession, …; legal (GB) und
légale (F)
• iudicare: urteilen; iudex: der Richter; iudicium: das Urteil; vgl. Judiz
• vgl. Common Law (vorwiegend Präzedenzfälle) und Civil Law (vorw. gesetztes
Recht)
• vgl. Art. 97 I und 20 III GG einerseits und die gerichtliche Praxis andererseits
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IV. Cels. D. 1, 3, 17
Scire leges non hoc est verba earum tenere, sed vim ac potestatem.
Die Gesetze zu kennen bedeutet nicht, sich an ihre Worte zu halten, sondern an ihren
Inhalt und an ihre Bedeutung.
•
Celsus: Hochklassischer Jurist, bekannt für seine eleganten Definitionen, z.B. oben
AI
•
Scire → Scientia, s.o.
•
Vis, vis f.: eigentlich Kraft, Gewalt; auch: Inhalt; vgl. vis absoluta
•
potestas, potestatis f.: eigentlich Macht, Wirkung, Bedeutung; vgl. patria potestas
•
vgl. teleologische Auslegung; vgl. auch § 133 BGB
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V. Ner. D. 1, 3, 21
Et ideo rationes eorum, quae constituuntur, inquiri non oportet: alioquin
multa ex his quae certa sunt subvertuntur.
Und darum soll man nicht nach den Gründen für das, was (an Recht) eingeführt
worden ist, forschen: Sonst wird vieles von dem, was gesichert ist, umgestoßen.
• Ratio, rationis f.: Grund, Vernunft
• constituere, -uo, -ui, constitutum: festsetzen, bestimmen, anordnen, einführen,
begründen; vgl. Konstitution, Constitution (GB)
• subvertere, -o, -i, subversus: umstoßen, umstürzen
• Die Rechtsgeschichte denkt manches auf, was von der herrschenden Dogmatik
ignoriert wird; Beispiele: Die PVV und die angebliche Lücke vor 2002; die
Zweckvereinbarung bei der condictio ob rem
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C) Gerechtigkeit
I. Ulp. D. 1, 1, 10 pr.
Iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuendi.
Die Gerechtigkeit ist der beständige und dauerhafte Wille, jedem sein Recht zuteil werden zu
lassen.
• Vgl. Aristoteles: die verteilende Gerechtigkeit (hier) und die ausgleichende Gerechtigkeit
• Was ist der Verteilungsmaßstab?
– Demokraten: Freiheit
– Oligarchen: Reichtum
– Aristokraten: Adel
• „Jedem das Seine“ wurde 1937 am Tor des KZ Buchenwald angebracht, damalige Deutung:
Jedem das, was er verdient
-> Gemeinplatz ohne materiellen Richtigkeitsmaßstab
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II. Fiat iustitia, pereat mundus (Wahlspruch Kaiser Ferdinands I.)
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fieri: geschehen
perire: zugrunde gehen
mundus: Welt
Zwei Übersetzungsmöglichkeiten:
1) Es soll Gerechtigkeit geschehen, und mag die Welt dabei zugrunde gehen (Luther)
– blinder Gerechtigkeitsfanatismus
– vgl. Kants Inselbeispiel für die absolute Straftheorie
2) Es soll Gerechtigkeit geschehen, und mag die weltliche Hochmut dabei zunichte
werden.
– Auf persönliche Interessen der weltlichen Großen (Adel, Bürgertum) darf es
bei der Durchsetzung der Gerechtigkeit nicht ankommen
– in dem Sinne wird Papst Hadrian VI der Spruch zugeschrieben
– vgl. die Darstellungen der Iustitia als blinde Gerechtigkeitsgöttin
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III. Cicero, de off. 1, 33
Summum ius summa iniuria.
Das höchste Recht ist die höchste Ungerechtigkeit.
•
mehrere Deutungsmöglichkeiten:
– Spannung zwischen der abstrakt formulierten Rechtsnorm und der Billigkeit, die die
angemessene Lösung im Einzelfall anstrebt
– Die objektive Rechtsordnung kann Folgen haben, die als ausgesprochenes Unrecht
angesehen werden müssen
– die rücksichtslose Durchsetzung eines Rechtsanspruchs, Rechtsmissbrauch
– strenges Zivilrecht vs. prätorische Rechtsbehelfe im römischen Recht
•
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moderne Lösung: Generalklauseln, z.B. § 226 BGB; § 242 BGB
vgl. auch Common Law vs. Equity im englischen Recht
auch höchste Billigkeit kann zur summa iniuria werden!
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D) Verhältnis zwischen dem Recht als Ganzem und der einzelnen Regel
I. Paul. D. 50, 17, 1
Non ex regula ius sumatur, sed ex iure, quod est, regula fiat.
Das Recht wird nicht aus einer Regel abgeleitet, sondern aus dem bestehenden Recht wird
eine Regel.
• Fieri, fio, factus sum: geschehen, (gemacht) werden
• Sumere, sumo, sumpsi, sumptum: nehmen, ableiten
• Regula: Regel, Grundsatz; hier speziell die Rechtsregel
• Chiasmus ex regula ius – ex iure… regula
• Steht in den Digesten zu Beginn eines ganzen Titels voller Rechtsregeln!
• römische Methode der Rechtsfindung: Gerechte Lösung im Einzelfall versuchen, nicht
die Lösung eines Falls schematisch aus Regeln ableiten
• Es gibt keine Rechtsregel ohne Ausnahme:
Beispiele: Relativität der Schuldverhältnisse und Vertrag mit Schutzwirkung, NC der
Sachenrechte und Anwartschaften, Abstraktionsprinzip und „Fehleridentität“, … , …
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II. Iavol. D. 50, 17, 202
Omnis definitio in iure civili periculosa est; rarum est enim ut non subverti possit.
Jede Begriffsbestimmung im Zivilrecht ist gefährlich; denn selten ist sie unwiderlegbar.
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Omnis, -e: ein jeder, alle (vgl. Omnibus = für alle)
definitio, -ionis f.: Begriffsbestimmung, Definition (finis: die Grenze)
civilis, -e: die Bürger betreffend, aber auch ihr Gemeinwesen
ius civile: das Recht der römischen cives, also der Bürger <-> ius gentium (das für alle Menschen
geltende Recht)
periculosus, -a, -um: gefährlich (etymologisch: Suffix –osus bei Adj. = reich an, vgl. auch studiosus
etc.)
rarus, -a, -um: selten (dt. rar, Rarität, Rara [Nom. Pl. Neutr.] = die Seltenheiten)
Enim: nämlich
subvertere, pass. subverti: umkehren; widerlegen
posse (pot-esse): können
Vgl. schon soeben: Skepsis der röm. Juristen gegenüber Definitionen und Systemen
Bsp.: Die guten Sitten (§§ 138, 826 BGB) als Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden →
kaum eine Definition!
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III. Cels. D. 1, 3, 24
Incivile est nisi tota lege perspecta una aliqua particula eius proposita iudicare
vel respondere.
Es ist unjuristisch, ohne das Gesetz als Ganzes zu berücksichtigen, nach irgendeinem
sich vorgenommenen Teil desselben zu urteilen oder ein Gutachten zu erteilen.
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Perspicere, -icio, -exi, -ectum: durchschauen, untersuchen, berücksichtigen; hier
lege perspecta = Ablativus absolutus
Aliquus, -a, -um: irgendeiner/eine/eines
Particula, -ae f.: kleiner Teil, Teilchen; Diminutiv von pars: Teil; vgl. Partikel
Eius: Genitiv von is, ea, id: dieser, diese, dieses (Demonstrativpronomen)
respondere: eigentl. antworten; im jur. Zusammenhang: ein Gutachten erteilen
Proponere: ausstellen, darstellen, sich vornehmen
Aufruf zu systematischer Auslegung: Äußeres System (Stellung im Gesetz) und
inneres System (Wertentscheidungen, Axiome)
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E) Wie sollen Gesetze sein?
I. Ulp. D. 1, 3, 8
Iura non in singulas personas, sed generaliter constituuntur.
Rechte werden nicht für einzelne Personen, sondern allgemein geschaffen.
• Constituere: s.o., im jur. Zusammenhang: eine Norm erlassen, etwas beschließen
• Verbot des Einzelfallgesetzes, des Privilegiums
privare: trennen, befreien
privilegium
• privilegium: Vorrecht, ius singulare;
lex
Gegensatz: commune ius civium Romanorum
• Vgl. heute: Art. 19 I 1 GG und das Rechtsstaatsprinzip, Art. 20 III GG
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II. Seneca, Epistulae 94, 38
Lex iubeat, non disputet.
Ein Gesetz soll befehlen, nicht erörtern.
• iubere: befehlen, gebieten; iussum: der Befehl; vgl. den Iussiv (hier vorliegend!)
• disputare: diskutieren, erörtern; vgl. die Disputation zur Erlangung eines akademischen
Grades (z.B. Inaugural-Disputation: Doktorprüfung)
• Der ideale Gesetzgeber entscheidet Fragen und entwirft keine Theorien
• Bsp. BGB: keine Definition der Willenserklärung, wurde Wissenschaft überlassen (s.
Protokolle); aber: Entscheidung der Problemfälle, §§ 116-144
• Wird von der EU und dem heutigen Gesetzgeber kaum beherzigt, stattdessen
seitenlange Begriffsbestimmungen und Mustererklärungen mit Gesetzeskraft (z.B.
Anlagen 1-7 zum EGBGB)
Gleichsinnig:
Lex moneat, non doceat.
Ein Gesetz soll anweisen und nicht belehren.
• Beispiel: § 498 S. 2 BGB: Darlehensgeber soll Darlehensnehmer ein Gespräch anbieten
→ keine klare Anweisung, Rechtsfolge streitig
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III. Marcian C. 1, 14, 9
Leges ab omnibus intellegi debent.
Die Gesetze müssen von allen verstanden werden.
• Intellegi: Infinitiv Passiv von intellegere: verstehen, erkennen
• Gebot der Rechtsklarheit, Teil des Rechtsstaatsprinzips
• Ein ewiges Dilemma: Richtet sich das Gesetz an den Rechtsanwender (Fachsprache)
oder an den Bürger (Umgangssprache)?
Beispiele: BGB -> Rechtsanwender; ALR (Preußen) -> Bürger; ZGB (Schweiz) -> Bürger,
aber technisch besser
• Fachsprache → abstrakt-generelle Regelung, Umgangssprache → Kasuistik
IV. Seneca, Epistulae 94, 38
Leges breves esse oportet.
Gesetze müssen kurz sein.
• brevis, -e: kurz
• Oportet: es gehört sich, es ist nötig
• Vgl. Friedrich der Große zum 1. Entwurf des ALR: „Es ist aber sehr dicke, und Gesetze
müssen kurtz und nit weitläufig seyn“
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F) Grundprinzipien des Zivilrechts
I. Scaev. D. 42, 8, 24 i.f.
Ius civile vigilantibus scriptum est.
Das Zivilrecht ist für die Wachsamen geschrieben worden.
• Ius civile: vielschichtiger Begriff
– Persönlicher Geltungsbereich: ius civile – ius gentium
– Inhalt: ius civile – ius publicum
– Geltungsgrundlage: ius civile – ius honorarium
•
•
•
Vigilis, -e: wachsam; vigilantes: die Wachenden (PPA); vigiles: staatliche Feuerwehr in
Rom seit Augustus; vgl. heute die Feuerwehr in Italien: vigili del fuoco
Scribere, scribo, scripsi, scriptum: schreiben; daher das Scriptorium im Kloster oder
heute beim Repetitor das Skript
Bedeutung: Im Zivilrecht ist Eigeninitiative gefragt, Privatautonomie nutzen; auf
Einreden muss man sich berufen, im Zivilprozess gilt der Beibringungsgrundsatz; man
muss seine Rechte aber auch kennen, um sie durchzusetzen
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II. Ulp. D. 2, 14, 7, 7
Pacta sunt servanda.
Verträge müssen eingehalten werden.
• Pactum: im römischen Recht ein formloser Vertrag oder eine Nebenabrede
• Servare: erhalten, bewahren; hier: servanda = Gerundiv
• Im römischen Recht keine Vertragsfreiheit wie im heutigen Sinn, nicht jede
Vereinbarung ist durchsetzbar, Enumerationsprinzip
• Pacta werden aber als Nebenabreden mitberücksichtigt, wenn die Vertragsklage
geltend gemacht wird → exceptio pacti = Einrede des Vertrags
• Bsp.: A und B einigen sich über einen Kaufvertrag (emptio venditio). Verkäufer A
stundet Käufer B formlos den Kaufpreis (pactum). B hat exc. pacti gegen actio venditi (=
§ 433 II BGB)
• In der Spätantike praktisch Durchsetzbarkeit des Pactums durch Aufgabe der
Stipulationsform
• Ab dem Kirchenrecht (Moraltheologie) gilt der Satz ohne Einschränkung, Dekretalen 1,
35, 1; mit Grotius ist er ins weltliche Recht übernommen worden, vgl. heute § 311 I BGB
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III. Ulp. D. 2, 14, 1, 3
Nullum est contractum, nulla obligatio, quae non habeat in se conventionem.
Es gibt keinen Vertrag, kein Schuldverhältnis, das nicht eine Übereinkunft in sich trägt.
• Contractus: der Vertrag; techn. Einer der typischen Verträge im röm. Recht;
– von contrahere: zusammenziehen, techn. ein Rechtsverhältnis begründen; vgl.
Kontrakt, kontrahieren, Kontrahierungszwang (Daseinsvorsorge,
Monopolstellungen, AGG)
• Obligatio: s.o., das Schuldverhältnis; vgl. Obligation, obligatorisch,
Obligationenrecht (CH)
• Conventio: die Übereinkunft, eigentlich auch der Vertrag, aber bezogen auf die
inhaltliche Einigung;
– Von convenire: zusammenkommen, übereinkommen, vereinbaren
• Vgl. heute die Anforderungen an das Angebot (essentialia negotii), § 150 II BGB
und §§ 154 f. BGB (Dissens)
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IV. XII-Tafeln 5, 3
Uti legassit suae rei, ita ius esto.
So wie er über sein Vermögen testiert hat, so soll es rechtens sein.
• 12 Tafeln: erste schriftliche Niederlegung römischer Gesetze, 450 v. Chr.;
im Konflikt zwischen Patriziern und Plebejern entstanden
• Ausgangspunkt der römischen Rechtswissenschaft: Interpretation der 12
Tafeln; die ersten Juristen schrieben Kommentare zu diesen
• Enthielten aber nur Zivilrecht, nicht auf Vollständigkeit ausgelegt
• Rechtsgebiete geordnet: jede Tafel enthält ein bestimmtes Rechtsgebiet
• Denken in Voraussetzungen und Rechtsfolge
• Legare: testamentarisch über sein Vermögen verfügen; vgl. Legat: Das
Vermächtnis; Damnationslegat: Vermächtnisanspruch, § 2174 BGB
• Esto: alter Imperativ von esse
• Testierfreiheit, heute von Art. 14 I GG geschützt
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Latein für Juristen
V. Inst. 1, 3, 1
Et libertas quidem est, ex qua etiam liberi vocantur, naturalis facultas eius
quod cuique facere libet, nisi si quid aut vi aut iure prohibetur.
Und die Freiheit, libertas, ist freilich, weshalb ja auch die freien Menschen
liberi genannt werden, die natürliche Möglichkeit eines jeden das zu tun, was
ihm beliebt, sofern es nicht durch Gewalt oder durch das Recht verhindert
wird.
• faktische Grenze (Gewalt) wird mit rechtlicher Grenze gleichgestellt
• Vgl. heute Art. 2 I GG: allgemeine Handlungsfreiheit
• Vgl. auch Art. 2 II HChE: : Jedermann hat die Freiheit, innerhalb der
Schranken der Rechtsordnung und der guten Sitten alles zu tun, was
anderen nicht schadet.
• Vgl. auch Art. 4 der franz. Erklärung der Menschen-und Bürgerrechte von
1789: „La liberté consiste à faire tout ce qui ne nuit pas à autrui“
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Latein für Juristen
VI. Inst. 1, 2, 2
Iure enim naturali ab initio omnes homines liberi nascebantur.
Denn nach Naturrecht wurden am Anfang alle Menschen frei geboren.
• Ius naturalis: das Naturrecht, s.o. A III
• Initium, initii n.: der Anfang; vgl. Initiationsritual; initial (Adj., GB);
initialement (Adv., F)
• Nasci, nascor, natus sum: entstehen, geboren werden; vgl. natale (Adj., F)
• Stammt ursprüngl. aus der griechischen Philosophie
(Humanitätsgedanken)
• Bei den Römern gab es trotzdem Sklaverei, wird nur im Nachhinein mit der
Einführung des ius gentium gerechtfertigt
• Vgl. Art. 2 I HChE: Alle Menschen sind frei.
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Latein für Juristen
VII. Ulp. D. 50, 17, 32
Omnes homines aequales sunt.
Alle Menschen sind gleich.
• Auch dies nur ein naturrechtliches Ideal, im röm. Recht werden Freie und
Unfreie, Männer und Frauen unterschiedlich behandelt
• Vgl. Art. 3 I GG ( „vor dem Gesetz“)
• Amerik. Unabhängigkeitserklärung: „All men are created equal“
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Latein für Juristen
VII. Ulp. D. 41, 2, 12, 1
Nihil commune habet proprietas cum possessione.
Das Eigentum hat mit dem Besitz nichts gemein.
• Strikte Trennung von rechtl. (Eigentum) und tats. Sachherrschaft (Besitz)
• 2 Arten von Besitz im röm. Recht:
– possessio ad Interdictas
• Interdikte: Besitzschutzansprüche, heute § 861 f. BGB
• Interdiktenbesitz haben: Eigenbesitzer (Eigentümer, gutgl. Eigenbesitzer, bösgl.
Eigenbesitzer, d.h. auch der Dieb!) und bestimmte Fremdbesitzer (z.B. der
Verwahrer oder der Pfandgläubiger beim Faustpfand)
– possessio civilis
• Erfordert eine iusta causa possessionis (einen Rechtsgrund), z.B. Kauf, Schenkung
• Erforderlich für Ersitzung (usucapio) und für den Eigentumserwerb durch traditio
(Übergabe)
•
Aus dem röm. Recht stammt unsere heutige Eigentumskonzeption, § 903 BGB
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