Zukunftskonferenz Bad Mergentheim | Fraunhofer ISI

Report
Universität Hannover
Geographisches Institut
Abteilung Wirtschaftsgeographie
Netzwerke und systemische Innovation: das Konzept der regionalen
Innovationssysteme. Theoretische Grundlagen und Fallbeispiele
Konstitutive Elemente regionaler Innovationsmodelle:
Netzwerke, Cluster, Industriedistrikte, Lernende
Regionen: Grundlagen, Raumverständnis, Akteure,
Lernen durch systemische Innovation,
raumdifferenzierende Faktoren
Leitung: PD Dr. Knut Koschatzky
WS 2003/2004
Corinna Hilbert
Henning Metz
Gliederung
- Einordnung der Elemente in den Raumwissenschaftlichen
Ansatz
- Netzwerke
- Cluster
- Konzept der Industriedistrikte
- Konzept der Lernenden Region
Einordnung in den raumwissenschaftlichen Ansatz
Die zunehmenden Bedeutung von Wissen und
Innovation im Zeitalter der Informations- und
Kommunikationstechnologien soll auch im Ansatz
von Raumwirtschafts- und Entwicklungstheorien
aufgegriffen werden. Einen Beitrag hierzu leisten
Theorieansätze die Bedeutung von Netzwerken,
lernenden Regionen, Clustern und Industriedistrikten
als regionale Innovationsmodelle auffassen und sie in
ihrer raumdifferenzierenden Wirkung beschreiben.
Definition: Netzwerke
Unter Netzwerken werden nicht-hierarchische,
vertrauensorientierte Kooperationen verstanden.
Die räumliche Reichweite kann ja nach Art der
Kooperation, ihrer Ziele und der Zahl der beteiligten
Partner variieren.
Innovationsnetzwerke
• Unter Innovationsnetzwerken werden alle
Organisationsformen zwischen Markt und Hierarchie
verstanden, die dem Informations-, Wissens- und
Ressourcenaustausch dienen und durch
gegenseitiges Lernen zwischen mindestens drei
Partnern Innovationen realisieren helfen.
Entstehungsgründe für Innovationsnetzwerke
• Reduzierung von Technik- und Marktunsicherheiten
• Erwerb kompementärer technischer
Kompetenzen, die vor allem zur
Beherrschung systemarer neuer
Technologien erforderlich sind
• Erwartung von „Quasirenten“ aus dem
Zusammenschluss gegenüber
Wettbewerbern
Merkmale von Innovationsnetzwerken
•
•
•
•
•
•
•
Geringe Abhängigkeit der Teilnehmer vom Netzwerk
Fehlende Spezifität der Austauschbeziehungen
Geringe Bedeutung von Hierarchien
Reziprozität der Netzwerkbeziehungen
Längerfristige Zeitperspektive
Hohe Flexibilität /geringer Bürokratismus
Skalenerträge durch den Zugriff auf externe
Ressourcen
• Vertrauen und Vertrautheit der Akteure
Ausprägungsformen von Netzwerken
• Vertikale Netzwerke:
Einbindung in Produktions-, und
Wertschöpfungsketten /-einbindung von Kunden und
Zulieferern
• Horizontale Netzwerke:
Einbindung von Forschungs-, Beratungs- und
Transfereinrichtungen
• Zentrale Netzwerke
mit strategischer Funktion für die dominierenden
Teilnehmer (flagship firms)
• Dezentrale Netzwerke: funktionale Verflechtung
gleichberechtigter Partner
Netzwerkdifferenzierende Faktoren
• Netzwerkstrukturen unterscheiden sich nach
Branchen
• Netzwerke verändern sich im Lebenszyklus von
Branchen
• Netzwerke sind an Lokalisationsvorteile gebunden
Die räumliche Dimension von Netzwerken
• „Proximity“ ( räumliche und kulturelle Nähe) als
stabilisierender und kooperationsfördernder Faktor
• Informations-, Kosten- und Wettbewerbsvorteile für
Partner innerhalb einer „Region“
• Suchradius der Partner ist abhängig von der Art und
Ziel des Netzwerkes
Die räumliche Dimension von Netzwerken
• Besondere Bedeutung der „Proximity“ in der
Frühphase von Innovationsprojekten
• „Localized Knowledge“ als Standortvorteil
• Die Absorptionskapazität der Unternehmen bestimmt
den Suchradius
• Implizites Wissen liegt schwerpunktmäßig in
Agglomerationsräumen vor
• Überregionale Netzwerkbeziehungen dienen als
Ausgleich
• Voraussetzung für Regionalentwicklung ist die
Dualität von Netzwerkniveaus
Diskussionspunkt:
Scheitergründe für Netzwerke
Definition: Cluster
Nach Porter (1998) sind Cluster die räumliche
Konzentration von vernetzten kleinen und
großen Betrieben sowie Institutionen in einem
speziellen Sektor.
Ein Cluster beinhaltet vor- und nachgelagerte
Produktions- und Dienstleistungsaktivitäten
sowie eine spezialisierte Infrastruktur, die
diese Aktivitäten unterstützt.
Merkmale von Clustern
• Räumliche Konzentration vernetzter
Betriebe/Institutionen in speziellen Sektoren
• Ausgewogenheit von Kooperation und
Wettbewerb innerhalb des Clusters
• Spezialisierte Infrastruktur und Arbeitsmarkt
• große Bedeutung von Wissensexternalitäten
bei innovativen Clustern
• Junge Industrien / Produkte am Begin ihres
Lebenszyklus (innovative Cluster)
Entstehungsvoraussetzungen für Cluster
• Natürliche Ressourcen
• Humanressourcen
• Existenz von Institutionen
• Nukleus innovativer Unternehmen
ÜBERSICHT REGIONALE INNOVATIONS-CLUSTER
Abgrenzung von Clustern
Die räumliche Ausprägung von ökonomischen Clustern wird im
eigentlichen Sinne nicht mit geografischen Methoden erfasst,
da eine Abgrenzung eher durch den Netzwerkcharakter auf
interindustrieller bzw. interinstitutioneller Basis geschieht.
Administrative Abgrenzungen sind aufgrund der interindustriellen und
interinstitutionellen Verflechtungen schwierig, wenn auch möglich
(Begriff der Region).
Abgrenzungen nach Wirtschaftszweigen bieten sich aufgrund
branchenübergreifender Aktivitäten innerhalb eines Clusters kaum an.
Ein sinnvolles Abgrenzungskriterium kann daher z.B. die Identifikation
technologischer Verflechtungen sein.
Förderung des Clusterwachstums
• Räumliche Nähe zu Zulieferern und
Wettbewerbern
• Regionale Nachfrage durch vor- und
nachgelagerte Betriebe
• Spezieller Arbeitskräftepool
• Zugang und Akkumulation von
spezialisiertem Wissen
• –> Wissensspillover
• Zugang zu Speziellen öffentlichen Gütern
BEISPIELE FÜR CLUSTER-WACHSTUM
Diskussionspunkt:
Welche Faktoren lassen ein positive
Clusterentwicklung bzw.
Clustererhaltung scheitern?
Diskussionspunkt:
Inwieweit lassen sich wissensbasierte ökonomische
Ansätze zur Erklärung von räumlichen Entwicklungen
anwenden?
Konzept der Industriedistrikte
Entstehung des Konzeptes der Industriedistrikte (1)
Alfred Marshall (1890): "industrial atmosphere"
• economies of specialization
• econoomies of information
• economies of labour supply
Entstehung des Konzeptes der Industriedistrikte (2)
Piore und Sabel (1984): "Flexible Spezialisierung"
• Kleinserien- statt Massenproduktion
• Economies of scope in Ergänzung zu economies of scale
• Kundenspezifische Fertigung und Produktion
• Kooperation in der Unternehmenshierarchie
• Hohe soziale Mobilität
• Vertikale Desintegration bei räumlicher Fixierung der
Produktion
(vgl. Koschatzky, 2001)
• sinkendeIndustriedistrikte
Beschaffungs-, Produktions- und
Definition
Absatzkosten
• Vielzahl
von KMU
• intraregionale
Verfügbarkeit spezialisierter
Dynamisch,
kreative
Regionen,
in denen Betriebe der gleichen
Zulieferundkulturelles
Vertriebsnetzwerke
Einsatz
modernster
Technologie
• •Gemeinsames
Milieu
• Nutzung
branchenspezifischer
Einrichtungen
und/oder
miteinander
BranchenInstitutionen
räumlich
Spezialisierung
auf verflochtener
wenige
• •Unterstützung
durch
formale Produkte
und informelle
• ZugangAnpassung
zu spezialisiertem
•Wechselseitiges
Flexible
der Produktion
•konzentriert
Vertrauen
auftreten.
Arbeitskräftereservoir
• Hohe
zwischenbetriebliche und intraregionale Kooperation
• Lokalisationsvorteile
• Flexible Produktion und Spezialisierung
• Außerökonomische Einflussfaktoren
(vgl. Schätzl, 2001; Rentmeister, 2001)
Ausmaß eines Industriedistriktes (Brusco, 1990)
• kleine räumliche Einheit
• 10.000 – 20.000 Arbeitskräfte
• 1.000 – 3.000 Unternehmen mit je weniger als
20 Beschäftigten
Merkmale eines Unternehmens im Industriedistrikt
• Direkte oder indirekte Produktion für den gleichen Endmarkt
• Angebot einer breiten Produktpalette für hochdifferenzierte
regionale Märkte
• Hohe intraregionale und zwischenbetriebliche Arbeitsteilung
• Gemeinsames kulturelles Millieu
• Außerökonomische Einflussfaktoren
Kritische Anmerkungen zum Konzept
Gründe für eine begrenzte Übertragbarkeit auf andere Regionen:
• Unterschiedliche Ausgangsbedingungen in jeder Region
• Weltweit geringe Existenz von Produktionssystemen, die von kleinen
Unternehmen dominiert werden (Bsp. 3. Italien)
• Branchenspektrum bei Modellen industrieller Arbeitsteilung häufig
breiter gefächert und nicht auf eine Branche begrenzt
• Vorwiegend Nischenprodukte
• Fehlende Offenheit, die eigentlich erfolgreiche und wettbewerbsfähige
Produktionssysteme kennzeichnet
• Hohe Unsicherheit zu Beginn eines Produktlebenszyklus aufgrund
enger regionaler Vernetzung
• Möglichkeit wirtschaftlicher Strukturkrisen auch in Industriedistrikten
• Literatur weist Regionen als Industriedistrikte aus, die nicht die
Merkmale industrieller Distrikte erfüllen
Weiterentwicklungen des Konzeptes der Industriedistrikte (1)
Konzept des Technologiedistrikts (Storper 1997):
"product-based technological learning" Prozesse bewirken drei
Unterschiede zu anderen Unternehmen:
• Im ökonomischen Sinn: steigende externe Ersparnisse
• Im organisatorischen Sinn: Regelung zwischenbetrieblicher Kontakte
und Arbeitskräfteaustausch
• Im soziologischen Sinn: Mobilisierung von Ressourcen und Aufbau
einer dauerhaften gemeinsamen Identitätsbasis der Akteure
(vgl. Koschatzky, 2001)
Weiterentwicklungen des Konzeptes der Industriedistrikte (2)
Interpretation von Industriedistrikten als Lernende Regionen:
Bedingungen für den Wandel eines Industriedistrikts zur Lernenden
Region:
• Zunahme organisatorischer Innovationen zur Förderung von
Kooperationen
• Bildung dynamischer flexibler Lernorganisationen innerhalb von
Unternehmen, zwischen Unternehmen und zwischen Unternehmen
und der Gesellschaft
• Förderung horizontaler Kooperationsbeziehungen zwischen den
Unternehmen
• Vermeidung von lock-in Situationen durch Aufbau einer lernenden,
kreativen Gesellschaft
(vgl. Koschatzky, 2001)
Beispiel: 3. Italien "Riveria del Brenta" (1)
• 15 Kommunen der beiden Provinzen Padua und Venedig
• Anstoß für Schuhindustrie 1898 durch Gründung einer Manufaktur
• Aufbau eines lokalen Netzwerkes der Schuhindustrie
• Blütezeit in den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts
Heute:
• 95 % der Produktion hochwertige Damenschuhe
• 90 % des Umsatzes im Ausland
• stark hierarchisches Netzwerk unterschiedlich spezialisierter
Unternehmen
• Vielzahl kleiner Unternehmen als Subunternehmer
• Schwache Ausprägung horizontaler Kooperationen
Beispiel: 3. Italien "Riveria del Brenta" (2)
Probleme:
• Wettbewerbsvorteil von niedrigen Arbeitskosten gegenüber
ausländischen Konkurrenten ist heute nicht mehr gegeben
• Verlust von Erfahrung und Wissen durch Generationswechsel
Möglichkeiten am Markt zu bestehen:
• Kooperation mit großen Modeunternehmen außerhalb des Distrikts,
um Zugang zu internationalen Märkten zu erhalten
• Produktdifferenzierung, die auf neue Materialien, Kundengruppen oder
Produkte ausgerichtet ist
• Erzielung von Kostenvorteilen durch Verlagerung wenig
wissensintensiver Tätigkeiten nach Südosteuropa
Konzept der Lernenden Regionen
Ansatz und Definition des Konzeptes der Lernenden Regionen
• Erste Aufsätze entstanden Mitte der 90er Jahre des letzten
Jahrhunderts auf Grundlage bereits vorhandener theoretischer
Konzepte über regionale Kooperationsformen wie
Industriedistrikte oder Cluster
• Beim wissensbasierten stehen Lernprozesse, die die
Wissensentstehung und die Regionalentwicklung bestimmen im
Vordergrund
• Drei Formen des Lernens:
• learning by doing
• learning by using
• learning by interacting
Rahmenbedingungen für den Erfolg Lernender Regionen
• Moderne IuK-Infrastruktur mit vernetzten und vertrauensvollen
Beziehungen zu Zulieferern und Abnehmern
• Kreative Innovationsakteure
• Leistungsfähiges Wirtschaftssystem
• Innovationsorientierte Politik, die die Bedürfnisse
wissensintensiver Organisationen berücksichtigt
• Fähigkeit und Bereitschaft der regionalen Akteure,
Lernprozesse zu organisieren
Akteure in Lernenden Regionen
• Wissensintensive Unternehmen aus dem Produktions- und
Dienstleistungssektor
• Unternehmensgründer und junge Unternehmen
• Institutionen der technischen Infrastruktur (ITI)
• Industrie- und Handelskammern,
Handwerkskammern,
Hauptfunktionen
von ITI's
Landwirtschaftskammern
• Management und Weiterentwicklung der (allgemeinen)
• Industrie- und Fachverbände
Wissensbasis
• Transfer- und Beratungszentren
• Ausweitung der (wissensbasierten) Interaktionen zwischen
• Innovationszentren
Unternehmen
• Beteiligungskapitalfonds
• Bereitstellung von Expertenwissen
Übertragbarkeit des Ansatzes auf die Realität (1)
• Ansatz steht allen Regionen offen, es kann jedoch nicht jede
Region die genannten Rahmenbedingungen erfüllen
• Ansatz kann individuell wie regional aber auch national
angewandet werden
• Weitere Kritikpunkte betreffen
• den Aspekt der regionalen Nähe der Akteure
• die Größe einer Lernenden Region
• die Steigerung der allgemeinen Wissensbasis
Übertragbarkeit des Ansatzes auf die Realität (2)
"Somit kann nicht von der Lernenden Region gesprochen
werden, sondern höchstens von Lernprozessen, die sich durch
eine hohe regionale Bindung auszeichnen."
(Koschatzky, 2001)

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