Deutsche Sprache und ihre Didaktik

Report
Neue Entwicklungen in der
türkischen Lehrerausbildung
und der Stellenwert der
deutschen Sprache in der
Türkei
Prof. Dr. Cemal YILDIZ
Botschaftsrat für Bildungswesen
• Ein Überblick über die geschichtliche
Entwicklung sowie über die heutige Stellung
der westlichen Fremdsprachen in der Türkei
• Historisch betarchtet haben Fremdsprachen
für die türkische Gesellschaft bei den
politischen, ökonomischen und kulturellen
Beziehungen zu ihren Nachbarländern und bei
dem Kontakt zu anderen Gesellschaften
immer eine wichtige Rolle gespielt.
• Nach der Bekennung zum Islam hatte mit
Arabisch und Persisch eine intensive
Beziehung zu Fremdsprachen begonnen, die
sich bis heute durch Französisch, Deutsch und
Englisch erweitert hat.
• Der Anfang des Fremdsprachenunterrichts im
staatlichen Schulwesen in der Türkei geht
etwa auf 1839 zurück, es wurden vorher
Arabisch und Persisch unterrichtet.
• Neben Arabisch und Persisch wurde schon am
Anfang des 19. Jahrhunderts an der
Ingenieurschule in Istanbul Französisch als
Fremdsprache unterrichtet.
• Im Jahre 1868 wurde zum ersten Mal in einem
staatlichen Gymnasium (Galatasaray Sultanisi)
Französisch als Unterrichtsprache eingeführt.
Französisch war also damals die privilegierte
Fremdsprache.
• Auch wurden im 19. Jahrhundert im
damaligen Osmanischen Reich deutsche,
österreichische, französische, englische,
amerikanische und italienische Privatschulen
eröffnet, in denen die jeweilige Landessprache
auch die Unterrichtsprache war.
• Schulen mit einer Fremdsprache als
Unterrichtssprache haben eine lange Tradition
und existieren heute auch noch. Sie sind für
die Erziehungs- und Fremdsprachenpolitik der
Türkei von grosser Bedeutung.
• Nach der Gründung der Türkischen Republik
von Kemal Atatürk (1923) begannen
weitausgreifende Reformen in allen Bereichen
von Staat und Gesellschaft.
• Es vollzog sich auch eine Bildungsreform, bei
der u.a. beschlossen wurde, dass eine von den
drei westlichen Sprachen, entweder Deutsch,
Französisch oder Englisch, als Pflichtfach an
allen türkischen Schulen eingeführt werden
sollte.
• So wurde im Jahre 1924 mit dem Gesetz
“Tevhid-i Tedrisat” (Vereinigung der
Ausbildungsformen) der Unterricht in Arabisch
und Persisch aufgehoben.
• An ihrer Stelle wurden Deutsch, Englisch und
Französisch als Fremdsprache in den Schulen
eingeführt. Heute ist das Erlernen einer dieser
Sprachen ab der 4. Klasse an allen Schulen
obligatorisch.
• Die türkische Germanistik hat eine 75-jährige
Geschichte, die eigentlich 1933 anfängt.
• Denn das Jahr 1933 nimmt sowohl in der
deutschen als auch in der türkischen
Universitatsgeschichte einen besonderen
Stellenwert ein.
• 1933 bedeutet für Deutschland, dass Hitler
(7.4.1933) das Gesetz erließ, dass alle
rassistischen und politischen Gegner des Dritten
Reiches keine Berufsbeamten werden durften
und deshalb Gelehrte jüdischer Abstammung ihre
Flucht ins Ausland vorbereiten mussten.
• Auf Befehl von Atatürk sollten die früheren
Bildungsstellen (Medrese und Darülfünun) mit
einer Universitätsreform zu einem neuen, an
westlichen Vorbildern orientierten
Universitätsmodell übergehen.
• So kam es dazu, dass in diesem Zeitraum auf
Einladung von Atatürk eine nicht geringe
Anzahl von Professoren deutscher und
jüdischer Abstammung Zuflucht an Bosporos
fanden (Kuruyazici, S. 253; Sayin, S. 51).
• Unter der Leitung von Prof. Schwartz wurde
ein Informationsbüro in der Schweiz
gegründet.
• Viele Professoren haben Publikationen, wie
die Erinnerungen von Fritz Neurnark und Ernst
Hirsch, hinterlassen, die von dieser Einladung
an die Istanbul Universität als einen
Wendepunkt in ihrem Leben berichten
(Kuruyazici, S. 253).
• Am Anfang wurden 30 Professoren aus
Deutschland (mit ihren Familien, Verwandten
und Assistenten, etwa 150 Personen) auf diese
Weise in die Türkei berufen.
• In den 30er und 40er Jahren fanden insgesamt mehr
als 80 deutsche Wissenschaftler und Künstler Zuflucht
vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.
• Diese Emigration der deutschen Wissenschaftler in die
Türkei nimmt einen bedeutenden Rang innerhalb der
deutsch-türkischen Beziehungen ein, wobei die Türkei
als Emigrationsort für deutsche Wissenschaftler im
Bewusstsein der Öffentlichkeit eher unbekannt ist
(Kuruyazici, S. 253, 257f.;
www.auswaertiges.amt.de/www/de/laenderinfos/laen
derl).
• Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich die
politische Bedeutung der USA in der Türkei
erhöht.
• Dadurch wurden die Beziehungen zwischen der
Türkei und der USA sowohl im politischen und
wirtschaftlichen, als auch im kulturellen Bereich
zunehmend stärker.
• Die Folge davon war, dass das Englische in der
Türkei in kurzer Zeit zur meistgelernten Sprache
wurde. Heute ist die dominierende Stellung des
Englischen in der türkischen Sprachenpolitik
offensichtlich.
• Französisch behielt bis etwa Mitte der 70er Jahre
den zweiten Platz, wurde aber in den letzten 30
Jahren wegen den ökonomischen Beziehungen
und auch wegen den Auswirkungen der Migration
nach Deutschland vom Deutschen überholt und
ist heute, besonders im Schulwesen, sehr
schwach repräsentiert.
• Deutsch steht zur Zeit im Angebot der westlichen
Sprachen nach Englisch an zweiter Stelle.
• An besten türkischen Universitäten ist heute
Englisch Unterrichtssprache.
• Und auch im Sekundarbereich sind die
Mittelschulen und Gymnasien mit Englisch
Unterrichtsprache (einige wenige auch mit
Deutsch und Französisch, die angesehensten
Schulen, in die ein Eintritt nach harten
Prüfungen möglich ist.
• Alle Privatschulen benutzen Englisch (bzw.
Sehr wenige Deutsch oder Französisch) als
Unterrichtssprache.
• Wie sieht die Deutschlehrerausbildung nach
den neuen Regelungen aus?
• Aufgrund der neuen Entwicklung im
türkischen Schulwesen erstellte auch das
Hochschulrat (YÖK) im Studienjahr 1998/99
neue Curricula für alle Abteilungen der
Erziehungswissenschaftlichen Fakultäten.
• In der Türkei gibt es zwei Typen von Lehrern, den
sog. Klassenlehrer an der Grundschule, der alle
Fächer unterrichtet, und den Fachlehrer.
• Neben anderen auch die Lehrprogramme der
Deutschlehrerausbildung mussten im Zuge dieser
Umstrukturierung der Curricula in der Türkei
einer Revision unterzogen werden.
• Nach den neuen Regelungen dürfen nur noch die
erziehungswissenschaftlichen Fakultäten Lehrer
ausbilden.
• Die erziehungswissenschaftlichen Fakultäten
bieten also nach der neuen Regelung nur ein
einziges mögliches Studienziel, nämlich den
Beruf des Lehrers.
• Die pädagogisch-didaktische Komponente ist
ein integrierter Teil des Studiums (insgesamt 4
Jahre –8 Semester).
• Die Ausbildung der Deutschlehrer im
universitären Bereich
• Da die Zahl der Studienplätze an den türkischen
Universitäten begrenzt ist, wird der Zugang zu
den einzelnen Fachbereichen erst nach Bestehen
einer zentralen und staaatlichen
Hochschulaufnahmeprüfung möglich.
• Dabei ist die Fächerwahl nicht absolut
kandidatenbestimmend, sondern die erreichte
Punktzahl bestimmt die Zulassung in die
jeweiligen Fachbereiche.
• Wenn man bei der Vergabe der Studienplätze die
erreichten Punktzahlen zum Maßstab nimmt, so
ist festzustellen, daß dem Fach Deutsch im
universitärem Bereich mit anderen mehr
gewünschten Fachbereichen wie
Betriebswirtschaft, Naturwisssenschaften,
Ingenieurwissenschaften oder Medizin nicht
konkurrieren kann.
• Auch an der Zielskala der westlichen Sprachen
hat das Fach Deutsch den zweiten Platz nach
Englisch.
Abteilungen für Deutsche Sprache und ihre Didaktik
Die Abteilungen fur Deutsche Sprache und ihre Didaktik
sind in der Türkei im Fachbereich
Fremdsprachenforschung und Fremdsprachendidaktik
der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der
Universitaten angesiedelt.
Deutsche Sprache und ihre Didaktik ist ein
grundstandiges integriertes Lehramtsstudium fur
Lehramtsanwärter des Faches Deutsch als
Fremdsprache für alle Schultypen- und stufen:
Primarstufe, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II.
Studienvoraussetzung
Zum Studium der Deutschen Sprache und ihrer
Didaktik wird zugelassen, wer die allgemeinen
Bestimmungen über eine Zulassung zum
Studium erfüllt.
Studiendauer, Studienpläne
• Das Studium umfasst als Hauptfachstudium
eine Regelstudienzeit von 8 Semestern.
• Der Studienplan ist obligatorisch für alle
eingeschriebenen Studenten und
Studentinnen mit festgelegten Pflicht- und
Wahlpflichtseminaren für jedes Studienjahr.
Studienziele und Studieninhalte
Allgemeines Studienziel ist, die
Studenten/Studentinnen mit einem
detaillierten Fachwissen und weitreichenden
Lehrerkompetenzen auszustatten, so dass sie
in allen Schultypen und -stufen Deutsch als
Fremdsprache unterrichten können.
• Studieninhalte des Faches:
1) Sprachpraxis
• Deutsche Grammatik und Syntax
• Sprachfertigkeiten und ihre Didaktisierung
• Übersetzungstechniken
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2) Linguistik
Beschreibung und Analyse der deutschen
Gegenwartssprache
Sprachwissenschaftliche Grundbegriffe und
Methodologie
Spracherwerbstheorie
Kontrastive Grammatik Türkisch-Deutsch
Textlinguistik
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3) Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik
Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe und
Texttheorie
Literarische Textanalyse von Texten der
deutschen Literatur
Überblick Über die Epochen der deutschen
Literaturgeschichte
Literarische Gattungen und ihre Didaktik
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4) Allgemeine Pädagogik
Entwicklungs-und Lernpsychologie
Konzepte zur Unterrichtsplanung
Unterschiedliche Ansatze der
Leistungsbewertung und Evaluation
Konzeption von Lehrmaterialien
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5) Fachdidaktik Deutsch als Fremdsprache
Didaktik des Deutschen als Fremdsprache
Kommunikative Methode und ihre Umsetzung
Frühfremdsprachliche Erziehungskonzepte
Unterrichtsprobe und Unterrichtsbeobachtung
Analyse und Kritik eigener Lehrerfahrungen im
Praktikum
Konzeption von Lehrmaterialien
Lehrwerksanalyse und Lehrwerkskritik
Methodik der Sprachvermittlung, einschließlich
visueller und computergestutzter Lehrverfahren
• Praktikum
• Während des Studiums sind 2 Praktika als
Tagespraktika, die sich jeweils über ein ganzes
Semester erstrecken, vorgesehen
Fazit
Es gibt nach meiner Meinung wichtige
Faktoren, die in der Türkei den
Deutschunterricht steuern sollen. Welche
zentrale Faktoren sind das?
a) Sprachenpolitik in der Türkei
Es gibt keinen Zweifel, dass in der Türkei mit
der Politik des Fremdsprachenunterrichts
zugleich die Zugehörigkeit zur islamischen
oder zur westlichen Welt vebunden ist. Mit
“foreign languages” (Englisch, Deutsch und
Französisch) ist die Türkei heute ein westlich
orientiertes Land, da eine von diesen drei
Sprachen als Pflichtfach von den Schülern ab
der 4. Klasse gewählt werden muss.
b) Motive der Schüler
• Es gibt zwar eine Reihe von Faktoren, die die
Motivation zum Deutschlernen in der Türkei
verstärken. Die Rückwanderer-Kinder, die
deutschsprachigen Schulen für Rückwanderer
(Anadolu Lisesi), der wachsende deutsche
Tourismus und die wirtschaftlichen
Beziehungen sind hier in erster Linie zu
nennen.
c) Berufsaussichten
• Wie die Die Absolventen der germanistischen
Abteilungen können im allgemeinen in der
Tourismusbranche, aber auch als Lehrkraft im
Sekundarbereich und an der Universität, als
Beamter im Grundbuchamt, bei der Post, bei den
Banken und in allen anderen staatlichen
Behörden beschäftigt werden.
• Die Absolventen der Lehramtsstudiengaenge
können daneben in erster Linie als Deutschlehrer
im Schuldienst eine Stelle finden.
Statistiken zeigen, ist die Zahl der
Deutschlernenden im Laufe der Jahren zu
Gunsten des Englischen zurückgegangen. Als
Hoffnung bleibt, daß die gute
Zusammenarbeit der Wissenschaftler und
Politiker die Situation revidieren und zum
Positiven wenden kann.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
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