PS Französische Philosophien der Existenz - UK

Report
„I think an almost unbelievable amount
of false philosophy has arisen through
not realising what ,existence‘ means.“
(B. Russel, Logic and Knowledge)
Inhalte des Seminars:
4 Positionen der französischen Existenzphilosophie:
 1) Gabriel Marcel (1889-1973)
 2) Jean-Paul Sartre (1905-1980)
 3) Albert Camus (1913-1960)
 4) Maurice Merleau-Ponty (1908-1961)
Textgrundlage:
Seminarordner „Wirtz“ im Kopierraum der
Bibliothek des Philosophischen Seminars
Auszüge aus:
1.) Gabriel Marcel, Metaphysisches Tagebuch
2.) Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts
3.) Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos
4.) Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der
Wahrnehmung
Literaturempfehlungen:
Lexikon Existentialismus und
Existenzphilosophie, hrsg. v. Urs Thurnherr
u. Anton Hügli, Darmstadt 2007.
Literaturliste im Seminarordner bzw. als
Download unter “Informationsportal” auf der
Dozentenhomepage
Modulzuordnungen des
Seminars:
BA: BM2 - Neuzeit/Gegenwart
LA: GyGe – BM 3 und BM4
Magister/Sek II/Diplom: Proseminare – Bereiche A und B
Regelungen zum Scheinerwerb:
BA:
 1 CP: Regelmäßige, dokumentierte Anwesenheit
 2 CP: kleine schriftliche Arbeit (2-3 Seiten) für aktive
Teilnahme
 3 CP: Referat & Thesenpapier oder schriftliche Arbeit
7 Seiten)
 4 CP: Hausarbeit oder Klausur
(5-
LA:
 aktive Teilnahme (nicht als TN qualifiziert) entspricht
einer Leistung im Umfang von 1 CP
 eine als TN qualifizierte aktive Teilnahme entspricht 2 CP
 ein Leistungsnachweis (Hausarbeit, Klausur oder
mündliche Prüfung) entspricht 4 CP.
Kontakt:
 E-Mail-Adresse: [email protected]
 Sprechstunden nach Vereinbarung in Raum 4.015
(Hauptgebäude, Büro von Frau Prof. Dr.
Bickmann)
 Homepage: http://www.philosophie.unikoeln.de/dozenten/#lehrbeauftragte
Thematische Einführung
Ausgangsfragen:
 Was bedeutet der Begriff ,Existenz‘?
 Was ist unter „Philosophien der Existenz“ zu verstehen?
 Wie ist der französische Existentialismus innerhalb der
Existenzphilosophie zu verorten?
 Welchen Plausibilitätsgrad, welche argumentative
Konsistenz hat die Philosophie der Existenz?
1. Der Begriff der Existenz in der metaphysischen
Ontologie: Essenz und Existenz
 lateinisch exsistere = hervorgehen aus, geboren werden
 Griechische Antike: Rede vom ,Sein‘ (to òn) des Seienden
 Einführung des Existenzbegriffs im Mittelalter im Kontext
des abhängigen Seienden: Etwas existiert, weil es von
einem anderen abhängt.
 Existieren bedeutet, durch eine Ursache (Wirk- oder
Finalursache) zum Sein gelangt zu sein.
 Insofern betrifft die Existenz das kreatürliche, d.h. von
Gott geschaffene Seiende.
(1/2)
 klassische Ontologie: existentia als ,Das-Sein‘ gegenüber
essentia als ,Was-Sein‘
 oder: Existenz als wirkliches Vorhandensein einer Sache
gegenüber ihrer bloßen Möglichkeit
2. Vorgeschichte der Existenzphilosophie
 Existenzphilosophische Erwägungen avant la lettre bei
Michel de Montaigne (Essais, 16. Jh.), und Blaise Pascal
(Pensées, 17. Jh.)
 Einwände gegen den Existenzbegriff: David Hume und
Immanuel Kant (18. Jh.)
 Lebensphilosophie: Friedrich Nietzsche (19. Jh.), Henri
Bergson (20. Jh.)
3. Sören Kierkegaard (1813-1855) – der erste
„Philosoph der Existenz“
 „Alles wesentliche Erkennen betrifft die Existenz.“
 Wichtige Werke aus den 1840er Jahren: Entweder – Oder,
Die Wiederholung, Furcht und Zittern, Der Begriff Angst,
Stadien auf des Lebens Weg, Die Krankheit zum Tode
 Der ,existierende Denker‘ gegen den ,abstrakten Denker‘
 Betonung der Endlichkeit und Ambivalenz individuellen
Daseins an Stelle des Hegelschen Versuchs, mit Hilfe der
Dialektik die gesamte Wirklichkeit begrifflich zu erfassen
und das Individuum im unendlichen Absoluten untergehen
zu lassen
(3/2)
 Interpretation von existentiellen Grundstimmungen wie
Furcht/Angst und Verzweiflung
 Angst als „die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für
die Möglichkeit“
 Drei Stadien des Existierens nach Kierkegaard:
 1) das ÄSTHETISCHE
⇒Leben im Augenblick, ausschließliche Hingabe an
sinnlich-emotionale Bedürfnisse, Suche nach
permanentem Wechsel der Eindrücke
(3/3)
 2) das ETHISCHE
⇒Lebensgestaltung nach einem selbst gewählten Ideal,
Übernahme von Verantwortung für die eigene
Vergangenheit und Zukunft: „das Ich wählt sich selbst“.
 3) das RELIGIÖSE
⇒
„Sprung“ in das Paradox zwischen Einzelnem und
Allgemeinem, Endlichkeit und Unendlichkeit; der
Glaubende setzt sich ein individuelles, nicht-rationales
Verhältnis zum Absoluten
4. Existenz in der Prädikatenlogik
 Existenzoperator bzw. Existenzquantor ∃(auch
„Einsquantor“ oder „Manchquantor“ genannt)
 (∃x) (sx ∧ px)
 Bedeutung: Es gibt mindestens einen Gegenstand x, für
den gilt: x ist s und x is p.
 Das Existenzprädikat (E) – wichtig für den ontologischen
Gottesbeweis – spielt eigentlich schon seit Kant,
spätestens aber seit Frege und Russell keine Rolle mehr in
der modernen Logik.
5. Sprachphilosophische Bedenken gegen
die philosophische Rede von „Existenz“
 Kants Argumente gegen den ontologischen Gottesbeweis:
 1) Das „ist“ in dem Satz „Gott ist allmächtig“ fügt Gott
kein weiteres Prädikat zu seinen sonstigen Bestimmungen
hinzu, sondern stellt lediglich einen grammatikalischen
Bezug zwischen dem Subjekt Gott und seinem Prädikat
„allmächtig“ her. (Existenz als Kopula)
 2) Das „ist“ in dem Satz „Gott ist“ stellt ebenfalls kein
Prädikat dar, sondern suggeriert, dass „Gott“ im
raumzeitlichen Erfahrungshorizont zugänglich ist – was er
aber per definitionem als transzendentes Wesen nicht sein
kann. (Existenz als raumzeitliche Position)
(5/2)
 Mögliche Entgegnung der Existenzphilosophen:
 „Wir meinen mit ,Existenz‘ weder ∃ noch die Kopula ,ist‘
noch eine bestimmte raumzeitliche Position – sondern das
menschliche Dasein als einzelnes, kontingentes,
individuelles und unvertretbare.“
 Anschlussproblem: Wie kann man über die so verstandene
„Existenz“ sinnvolle Aussagen machen, wenn doch die
Philosophie üblicherweise auf das Allgemeine,
Notwendige und Universelle abzielt?
6. Konstituierung der Existenzphilosophie in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
 Position der Existenzphilosophen: Die existenziellen
Erfahrungen des Einzelnen verweisen auf eine allgemeine
Existenzstruktur, die allem Existierenden zukommt.
 Begriff „Existenzphilosophie“ ab ca. 1930 in Deutschland
in Umlauf
 historischer Kontext: im Gefolge des Ersten Weltkriegs
Besinnung auf den „innersten Kern des Menschen“,
Rückwendung auf die individuelle Innerlichkeit im
Gegensatz zum wissenschaftlich-objektivierenden Denken
(6/2)
 Ausgangspunkt der Existenzphilosophie: der radikal
individualisierte, einzelne Mensch in seinem
Selbstseinmüssen
 Methode: Analyse der Befindlichkeit, Innerlichkeit,
Authentizität des ,Ich‘ oder ,Selbst‘
 im Unterschied zur traditionellen Subjektphilosophie
(Rationalismus, Transzendentalphilosophie, Idealismus)
starke Betonung von Gefühlen und Stimmungen sowie der
leiblichen Verfasstheit des Menschen
 Stimmungen mit Erschließungscharakter: Angst,
Verzweiflung, Absurdität
(6/3)
 Einfluss existenzphilosophischer Gedanken auf:
 dialektische Theologie (Barth),
 Dichtung (Kafka, Rilke, Malreaux),
 moderne Kunst (Munch, Expressionismus, Surrealismus),
 Politik (französischer Widerstand)
 Theater (Sartre, Marcel).
 Unterbrechung, zugleich aber auch Intensivierung der
Existenzphilosophie durch die Erfahrungen des Zweiten
Weltkriegs
7. Martin Heideggers Existenzialontologie
 Sein und Zeit (1927): Existenziale Analytik des Daseins,
weder Subjektphilosophie noch Anthropologie
 Wie ist (menschliches) „Dasein“ in der Welt?
 Grundgedanke aller Existenzphilosophie: „Das ,Wesen‘ des
Daseins liegt in seiner Existenz.“
 Herausarbeitung von existenzphilosophischen Kategorien
(Existenzialien) wie Sorge, Geworfenheit, Mitsein,
Möglichsein, Verstehen, Sein zum Tode
 Hervorhebung der zeitlich verfassten „Sorge“ als
Grundstruktur des Daseins
(7/2)
 Seiendes von der Seinsart des Daseins zeichnet sich
dadurch aus, dass es sich zu seinem eigenen Sein und
gegenüber nicht daseinsmäßig verfasstem Seienden
verstehend verhält.
 Erfahrung des „Nichts“ (der Welt) in der Angst
 Uneigentliches Existieren: Alltägliche Verfallenheit an das
,Man‘
 Eigentliches Existieren: Vor-laufen in den eigenen Tod
 Spätphilosophie Heideggers: der Mensch als Ek-sistenz,
die sich auf die Schickung des Seins einlässt
8. Karl Jaspers‘ Existenzerhellung
 berufliche Herkunft Jaspers‘ aus der Psychopathologie
 Auseinandersetzung mit Phänomenen wie Krankheit,
Leid, Schuld, Scheitern und Tod
 In solchen Grenzsituationen zeigt sich das „Umgreifende“,
die (unbestimmte) Transzendenz, Sein überhaupt
 Bezogenheit des Menschen auf die Transzendenz als
Grund seines Daseins und seiner Freiheit
 Existenz nicht als etwas Feststehendes und Gegebenes,
sondern als Herausforderung der Selbstwahl vor dem
Hintergrund der Transzendenz
(8/2)
 von dort aus Entwicklung eines „philosophischen
Glaubens“: „Gott ist das Sein, an das restlos mich
hinzugeben die eigentliche Weise der Existenz ist.“
9. Der französische Existentialismus
 Einführung des Begriffs „existentialisme“ durch den
französischen Philosophen Gabriel Marcel am Ende des
Zweiten Weltkriegs
 Niederschrift erster existenzphilosophischer Gedanken
(unabhängig von Kierkegaard) bereits während des Ersten
Weltkriegs (Metaphysisches Tagebuch)
 Intuition: Antworten auf Sinnfragen sind nur durch eine
existentielle Teilhabe am Sein möglich
 christlich geprägte Variante des Existentialismus:
Hoffnung auf ein göttliches Du
(9/2)
 Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts (1943):
 Verbindung der Hegelschen Dialektik, der Husserlschen
Phänomenologie und der Heideggerschen Daseinsanalytik
in einer eigenen „existentialistischen“ Freiheitstheorie, die
den Menschen auf sich selbst stellt
 zentrale Eigenschaft der Existenz als vereinzeltes Ich:
FREIHEIT im Sinne von Unbestimmtheit des menschlichen
Wesens; Verpflichtung zum verantwortlichen
Selbstentwurf
 Insofern ist die Existenz nicht einfach gegeben, sondern
aufgegeben
(9/3)
 Existentialismus als neuer Humanismus
 Existentialistische Mode im Paris der 1950er Jahre
 Albert Camus: die Absurdität menschlichen Handelns und
die Revolte des Menschen
 Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologische Analyse der
leiblichen Existenz
(9/4)
 Seit dem Ende der 1960er Jahre Niedergang bzw.
Verdrängung der existentialistischen Strömung durch
neomarxistische und (post-)strukturalistische Ansätze
innerhalb der „kontinentalen“ Philosophie sowie die
Analytische Philosophie
 Einfluss existenzphilosophischer Gedanken auf Disziplinen
wie Anthropologie, Ontologie und Religionsphilosophie
10. Einwände gegen Existenzphilosophie und
Existentialismus
 unzureichende Berücksichtigung der Sozialität des
Menschen
 unwissenschaftliche Methodik, die keine logischen
Formalisierungen verwendet (eher „Literatur“ als
„Philosophie“)

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