Nationenbau: Eine Skizze der Entwicklungslinien und

Report
Albert F. Reiterer
Nationenbau und Minderheiten in
Osteuropa
Europäistik
Kurs 2004 / 2005
Dimensionen sozialen / politischen Verhaltens
Soziale Persönlichkeit
Dimensionen
Identität
Interesse
Wertorientierung
(Orientierung in der Welt)
(Materielle) Ansprüche
Nutzung der Welt
Politik
als
Kampf um
Hegemonie
Kampf um
Ressourcen
Nationenbau: Eine Skizze der Entwicklungslinien und Kontinuitäten
Nationenbau als internationaler Prozess
Nationenbau findet statt als Prozess des Aufbaus eines politischen
Weltsystems nach Zentrum und Peripherien
Internationales System („Westfälisches System“)
Nationenbildung
Nationales Projekt
nachnationales Verständnis
Nation in der globalisierten Welt
Das internationale System: „Völkerrecht“
Die Staaten müssen (sollen) sich an gewisse Regeln des zivilisierten Umgangs miteinander
halten, die vom „Naturrecht“ – d. h. vom allgemeinen Verständnis der Zeit von Gerechtigkeit
und Dezenz – vorgegeben sind.
Hugo Grotius 1609: Mare Liberum
Hugo Grotius 1625: De Jure Belli ac Pacis
Samuel von Pufendorf 1672: De jure naturae et gentium
Suche nach Gewissheit in einer säkularisierten Welt von Einzelstaaten, nach Sicherheit in
der Beziehung zwischen partikularen Souveränitäten:
«Vernunft» und «die Übereinstimmung Aller» (oder auch nur «Vieler») enthüllt Naturrecht
und Naturgesetz: Die menschliche Gattung ist eine Einheit, daher gibt es ein allgemeines
Recht.
Europäischer Suprematismus: christliche Offenbarung legt ebenso Regeln fest wie das
„Naturrecht“
Souveränität
Der Staat wird zum autonomen System gegenüber und über der Gesellschaft:
Ein Regierungssystem mit einer Bürokratie, das höchste Gewalt über Leben und Tod der
Untertanen beansprucht?
Wie kann er das rechtfertigen?
Jean Bodin 1576: Les six livres de la Republique (Lateinische Fassung: De Republica libri sex):
Staat („la republique“, respublica) ist „eine richtige Regierung in voller Souveränität über
mehrere Haushalte sowie das, was ihnen gemeinsam ist“. Der „Staat“ ist also nicht eine
Assoziation von Individuen, sondern von Kleingruppen.
Problemstellung: In der fortschreitenden Entwicklung konstituiert sich die Autonomie des
politischen Systems. Das führt zur bürgerlichen Emanzipation und Individualisierung.
Herrschaft muss daher gerechtfertigt werden (Legitimationsproblematik). Aber wie? Jean
Bodin sagt einfach: Die Bürger (francs subiects) sind dem Herrscher Gehorsam schuldig.
Warum eigentlich?
Legitimität - der „Gesellschaftsvertrag“
Thomas Hobbes 1651: Leviathan
Im Naturzustand herrscht ein Krieg Aller gegen Alle (Bellum Omnium contra Omnes)
Das erfordert zum Überleben des Einzelnen eine Friedensordnung
John Locke 1690, Zwei Abhandlungen über die Regierung
Wenn die Herrscher ihre Verpflichtungen nicht einhalten, gibt es ein Widerstandsrecht
Jean-Jacques Rousseau 1762: Der Gesellschaftsvertrag
erzeugt einen Allgemeinwillen
Staat und Gesellschaft entstehen also aus einem „Vertrag“, in dem die Bürger Teile ihrer
ursprünglichen anarchischen Freiheit an eine Regierung abtreten. Dazu gehört insbesondere
das Recht, ihre berechtigten Ansprüche selbst gegen andere durchzusetzen:
Der Staat hat ein „Gewaltmonopol“.
Der „Gesellschaftsvertrag ist keine Beschreibung eines wirklichen Geschehens, sondern ein
Denkmodell mit normativem Charakter.
Volkssouveränität: Wo liegen die Grenzen des „Volks“?
Gleichheit (egalité, equality): Egalitarismus ist nicht irgendein politisches Ziel. Es ist ein
emphatischer normativer Begriff, welcher anthropologisch eine politische Strategie und die
Grundlage des politischen Projekts der Moderne darstellt. Die Spannung zwischen dem
utopischen Endgehalt des Begriffs und der nüchternen und umstrittenen Verwirklichung im
politischen Alltag das Pathos der Nation.
Weder Bodin noch die Kontraktualisten haben aber die Frage nach den richtigen Grenzen
beantwortet.
Nach außen werden Grenzen gezogen durch:
das politische Projekt
Sprache
Religion, Weltanschauung
ethnische und nationale Identität
Staatsbürgerschaft
Wirtschaftssystem
„Le desir d‘être ensemble“ (Ernest Renan 1882):
Nation wird durch nationale Identität als Trägerin eines politischen Projekts zur abgegrenzten
„Gemeinschaft“
Die Ausgeschlossenen von der Nation:
Die Frauen
Olympe de Gouges stellte der Männerrechtserklärung schon 1791 eine Erklärung der
Frauen- und Bürgerinnenrechte (Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne)
gegenüber. Überall, wo in der Menschenrechtserklärung "hommes" steht, setzt
Olympe de Gouges "femme" oder "femmes et hommes" ein, je nach Kontext: "La femme
naît libre et demeure égale à l'homme en droits.“
1792 Mary Wollstonecraft, A Vindication of the Rights of Woman
Eine intellektuell anspruchsvolle Abhandlung, womit die britische Autorin
Gleichberechtigung einfordert.
Das Wahlrecht für Frauen kam überall sehr spät:
Neuseeland 1893
Finnland 1906 (der Reichstag hatte aber keinerlei Bedeutung)
Sowjet-Russland 1917
Österreich 1918
Deutsches Reich 1918
Großbritannien in Etappen zwischen 1918 und 1956
Schweiz (auf Bundesebene) 1971
Ethnizität: Zugehörigkeit und ihre Mystik
Nationale Identität als Trägerin des Politisches
Projekt Nation
Aus einem Kampflied königstreuer preußischer Truppen 1848:
“Das waren Preußen, schwarz und weiß die Farben …
Da schnitt ein Ruf ins treue Herz hinein;
’Ihr sollt nicht Preußen mehr, sollt Deutsche sein.’
…Heil uns, sie wollen nicht mehr Preußen sein.
Schwarz, Roth und Gold glüht nun im Sonnenlichte,
der schwarze Adler sinkt herab entweiht …
so treu wird keiner wie die Preußen sein.“
In der Revolution von 1848 standen sich Progressive und Konservativ-Reaktionäre
gegenüber. Sie suchten jeweils nach anderen politischen Identitäten. Die
Reaktionäre in Berlin, der Hauptstadt Preußens, nannten sich „Preußen“. Die
Progressiven sprachen von sich als „Deutsche“. Die nationalen Identitäten
symbolisierten also verschiedene politische Programme.
Die Sprache und die Sprachen
Intellektuelle beginnen früh die Volkssprache zu nützen und zu reflektieren
Dante Aleghieri: De vulgari eloquentia, um 1305
Joachim du Bellay : La défense et illustration de la langue française, 1549:
Auch die Volkssprachen sind für Kultur und Literatur geeignet und « schön ».
Die sprachliche Standardisierung, meist als Übersetzung heiliger Texte, war seit je
das effizienteste Mittel der Sprachplanung.
Übersetzung der Bibel in die Volkssprachen der frühen Neuzeit (zumindest das
„Neue Testament“)
1382 (88) Englisch: John Wycliffe und Schüler
1522 (NT) bzw. 1534 (AT) Deutsch: Martin Luther
1530 Französisch: Jacques Lefèbre d’Etaples
1548 Finnisch: Mikael Agricola
Um 1585 Slowenisch: Jurij Dalmatin
Volkssprache – Nationalsprache
J. G. Herder, Über den Ursprung der Sprache 1772: Es ist die ausgebildete Sprache,
welche den Menschen vom Tier unterscheidet. Doch:
Sprache gibt es in der Mehrzahl, es gibt Sprachen!
Aber Herder ist Universalist: „In so verschiedenen Formen das Menschengeschlecht auf
der Erde erscheint, so ist's doch überall ein und dieselbe Menschengattung .“
(Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit 1780 – 1790)
Der Marquis de Condorcet (1743 – 1794), Aktivist der Französischen Revolution,
wollte dagegen eine Universalsprache aufbauen.
Sprache ist „quintessential symbol“ (J. Fishman) für die Nation und ihre Einheit. Die
Nation wird daher im 19. Und 20. Jahrhundert praktisch überall (Ausnahme: Schweiz)
zur Sprachnation.
Junge Nationen glauben daher, sie müssten unbedingt eine eigene Sprache haben. Dies
hat sich bis heute erhalten:
Aus dem Serbokroatischen wurde im letzten Jahrzehnt: das „Serbische“
das Kroatische“
das „Bosnische“
Vergleiche auch: Bulgarisch – Makedonisch; Rumänisch – Moldawisch
Dazu gab es Sprachwiederbelebungen: in Irland (Gälisch), in Israel (Iwrid).
Kleine und große Vaterländern
Intellektuelle wollen riesige Nationen
haben, nicht lokale Gesellschaften
Ernst Moritz Arndt
Was ist des Deutschen Vaterland?
(1813, von 1841 stammt ein Zusatz)
Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist´s Preussenland ? ist´s Schwabenland?
Ist´s, wo am Rhein die Rebe blüht?
Ist´s, wo am Belt die Möwe zieht?
O nein, nein, nein!
Sein Vaterland muß größer seyn.
Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist´s Baierland ? ist´s Steierland?
Ist´s, wo des Marsen Rind sich streckt?
ist´s, wo der Märker Eisen reckt?
O nein, nein, nein!
Sein Vaterland muß größer seyn.
Was ist das Deutsche Vaterland?
So nenne endlich mir das Land!
So weit die deutsche Zunge klingt
Und Gott im Himmel Lieder singt,
Das soll es seyn!
Das, wackrer Deutscher, nenne dein.
Das ist das Deutsche Vaterland,
Wo Eide schwört der Druck der Hand,
Wo Treue hell vom Auge blitzt
Und Liebe warm im Herzen sitzt,
Das soll es seyn !
Das, wackrer Deutscher, nenne dein.
Das ist das Deutsche Vaterland,
Wo Zorn vertilgt den wälschen Tand,
Wo jeder Franzmann heißet Feind,
Wo jeder Deutsche heißet Freund,
Das soll es seyn !
Das ganze Deutschland soll es seyn!
Chauvinismus: Einmaligkeit und Außenfeind
„Somit ist unsre nächste Aufgabe, den unterscheidenden Grundzug des Deutschen vor den
andern Völkern germanischer Abkunft zu finden, gelöst. Die Verschiedenheit ist sogleich
bei der ersten Trennung des gemeinschaftlichen Stamms entstanden, und besteht darin, daß
der Deutsche eine bis zu ihrem ersten Ausströmen aus der Naturkraft lebendige Sprache
redet, die übrigen germanischen Stämme eine nur auf der Oberfläche sich regende, in der
Wurzel aber todte Sprache.“
„Naturgemäßheit von deutscher Seite, Willkürlichkeit und Künstelei von der Seite des
Auslandes sind die Grundunterschiede. ... Alle die Uebel, an denen wir jetzt zu Grunde
gegangen, [sind] ausländischen Ursprungs .“
Der „ertödtende Geist des Auslands“, die ständige „Ausländerei“ ist die Wurzel allen Übels.
Johann Gottlieb Fichte 1808: Reden an die Deutsche Nation
Integraler Nationalismus existierte jedoch in allen europäischen Nationen:
Frankreich: Maurice Barrès (1862 – 1923) und Charles Maurras (1868 – 1952)
Italien: Giovanni Pascoli (1855 – 1912) und Enrico Corradini (1865 – 1931)
Griechenland: Ion Dragoumis (1878 – 1920) und Athanasios Souliotis-Nikolaides (*1878)
Norwegen: Knut Hamsun (1859 – 1952)
Usw.
Nationenbau: ein Zentralisierungsprozess
Nationenbau ist auch ein Zentralisierungsprozess bisher unverbundener lokaler und
regionaler Kleingesellschaften, in politischer wie in sozialer Hinsicht.
"Eine ungeheure Zentralgewalt [hat] in ihre Einheit alle Bestandteile von Einfluss und
Autorität an sich gezogen und verschlungen... Nicht nur die Provinzen gleichen einander
mehr und mehr, sondern es werden auch in jeder Provinz die Menschen der verschiedenen
Klassen, zumindest alle diejenigen, die außerhalb der Masse des Volkes stehen, trotz aller
Standesunterschiede einander immer ähnlicher... Durch die noch vorhandenen
Verschiedenheiten schimmert die Einheit der Nation hindurch; die Gleichförmigkeit der
Gesetzgebung lässt dies erkennen" (Tocqueville 1978 [1861], 25 und 87).
"Es leuchtet ein, dass die Zentralisierung der Regierung eine gewaltige Macht erhält, wenn sie
sich mit der Verwaltungszentralisierung verbindet. Solcherweise gewöhnt sie die Menschen
daran, von ihrem Willen vollkommen und beständig abzusehen; nicht nur einmal und in einem
Punkt, sondern durchwegs und täglich zu gehorchen... Sie gibt sie der Vereinzelung preis und
bemächtigt sich daraufhin jedes Einzelnen in der allgemeinen Masse. Diese beiden Arten der
Zentralisierung [der Regierung und der Verwaltung] stützen sich wechselseitig, sie ziehen sich
gegenseitig an; aber ich kann nicht glauben, daß sie untrennbar sind." (Tocqueville 1978
[1861], 98 f.)
„Postnation“: Ziel oder Illusion?
„Tod der Nation“?
Die liberale Schule will zuerst Assimilation der „Unterentwickelten“ (J. St. Mill), dann eine
universelle Gesellschaft, denn sie ist gegen „Partikularismus“.
Der Marxismus stellt die Klassenidentität über die nationale Identität.
Die neuere politische Theorie schließlich konstatiert ein Kongruenzproblem:
Die Reichweite des nationalen Staats fällt nicht mehr mit der Regelungsnotwendigkeit für soziale
und politische Probleme zusammen – es bedarf daher supranationaler Institutionen (Zürn).
Problem: Kann ein Staat, auch ein supranationaler, für seine Legitimität, Kohäsion und seine
Umverteilungsprozesse auf den gemeinschaftlichen Aspekt verzichten?
Die politischen Identitäten sind auch in der westeuropäischen Integration (EU) noch vorrangig
national bestimmt:
Nationale und europäische Identität: EU-15, 2003
In der Nahen Zukunft, sehen Sie sich da ... (in %)
Gesamt
... nur als (Nationalität)
40
... als (Nationalität) und als Europäer/in
45
... als Europäer/in und als (Nationalität)
8
... nur als Europäer/in
4
weiß nicht
3
Zusammen
100
Die „Dritte Zeitzone“ – der Balkan
„Zeitzonen“ ist ein metaphorischer Ausdruck (Ernest Gellner 1994, 1997), welcher die langsame
Verbreitung des politischen Modells Nation und ihren Ausbau sinnfällig machen soll:
Der Balkan war die erste Großregion in Europa, in der „kleine Nationen“ nach nationaler
Selbstbestimmung suchten und Staaten gründeten. Etwa gleichzeitig ging ein ähnlicher Prozess in
Lateinamerika vor sich.
„Balkanisierung“ wurde zum Schimpfwort, vergleichbar dem heutigen englischen „tribalism“. Die
Großmächte und ihre Ideologen können und konnten in der nationalen Selbstbestimmung
kleiner Nationen nur Rückschritt erkennen.
Todorovna: „Die Erfindung des Balkan“ war ein Akt der Abwertung nichtwestlicher
Nationen.
Zur „Vierten Zeitzone“ wurde schließlich die Dritte Welt. Die arabischen Nationen, Indien,
China erlebten eine nationale Debatte. Ab 1950 verbreitete sich der Nationalismus auch ins
subsaharische Afrika.
Eine vornationale Struktur: Das Osmanische Reich
Hintergrund des Prozesses war der Abstieg des Osmanischen Reichs. Das Osmanische Reich war
keine Nation. Aber es kannte ethnisch-religiöse Strukturen mit Selbstverwaltung (milet). Der
miletbaşi / Ethnarch der Orthodoxen Christen war der Patriarch von Konstantinopel / Istambul.
Polen
gescheiterter Staatsaufbau - später Nationenbau
Ein mittelalterliches „Reich“ von Mieszko (10. Jh.) bis zu Ladislaus Wasa (17. Jh.)
Die „Goldene Freiheit“ des 17. Und 18. Jahrhundert ist Adelsanarchie und führt zu den
Teilungen 1772, 1793 und 1795 zwischen Russland, Preußen und Österreich.
Im 19. Jahrhundert entsteht eine polnische Nation im Protest gegen Russland und Preußen in
einer kleinen Gruppe von Intellektuellen: „Until the very end of the [19th] century, the
‘Polish question’ convcerned only a minority of those we might categorize as Polish, with
few peasants demonstrating any interest in independence “ (Porter, zit. in: Auer 2004).
Die erste polnische Republik (von polnischen Historikern als „zweite Republik“ bezeichnet)
von 1918 bis 1938 scheiterte in der pseudofaschistischen Militärdiktatur des Jozef Piłsudski,
lang bevor die Nazis das Land überfielen und in Besitz nahmen.
Die zweite polnische Republik (1952: Volksrepublik Polen) begann ihre Existenz 1945 in
Abhängigkeit von den Sowjets, die jedoch im Land keine große Unterstützung hatten – eine
Existenz in Abhängigkeit.
Die dritte polnische Republik begab sich selbst in Abhängigkeit, und zwar in eine potentiell
konfliktreiche, nämlich einerseits den USA (in der NATO) und andererseits der EU.
Die erste „kleine Nation“ des Balkans: Griechenland
– eine neue Nation wird von Westeuropa erfunden
1814 In Athen und Odessa werden Geheimbünde (Filiki Etiria) gegründet und organisieren Aufstände gegen die
Osmanen. Sie hoffen auf russische und britische Unterstützung.
1822 Der Nationalkongress in Epidauros proklamiert die griechische Unabhängigkeit. Philhellenen im Ausland
feiern diese Proklamation. Insbesondere Lord Byron wird dabei zur Symbolgestalt.
1826 wird die vernichtende griechische Niederlage bei Misolunghi zum entscheidenden politischen Sieg für die
Aufständischen. Die westeuropäischen Mächte Frankreich und Großbritannien greifen gegen die Massaker ein.
1827 Sie schlagen die ägyptisch-türkische Flotte bei Navarino vernichtend.
1830 Der unabhängige griechische Staat wird auf der Londoner Konferenz anerkannt.
1832 Otto I., Sohn König Ludwig I. von Bayern wird zum König von Griechenland gemacht
14. Jänner 1844: Rede des Ioannis Kolettis in der Nationalversammlung: „Megali idhea“: Die Grundidee eines
expansiven griechischen Nationalismus will Istambul wieder als Hauptstadt. Der griechische „Universalismus“ ist
ein besonders weit gedehnter Herrschaftsanspruch. Die griechische Verfassung wird verabschiedet.
Bis zum Ersten Weltkrieg dehnt Hellas sein Gebiet ständig aus.
„Greece emerged from the Ottoman empire not as a Western nation with a long history but as a commercial class
and a provincial peasantry in a Middle Eastern scheme of society“ (A. Toynbee, zit. in Spiliotis 1998, 67).
1912 Im 1. Balkankrieg gewinnt das Bündnis Serbien, Bulgarien, Griechenland, Montenegro gegen die Türkei. Die
Türkei soll im Londoner Frieden 1913 alle ägäischen Inseln abgeben.
1924 Nach einer vernichtenden Niederlage griechischer Truppen in Kleinasien wird der Vertrag von Lausanne
geschlossen und ein „Bevölkerungsaustausch“, d. h. gegenseitige Vertreibung von Griechen und Türken vereinbart.
1936 General Metaxas bildet durch einem Staatsstreich eine faschistische Regierung.
1941 Das Deutsche Reich erobert Griechenland. Georg II. flieht nach London und gründet eine Exilregierung.
1967 Die griechische Armee übernimmt in einem Staatsstreich die Regierung. General Papadopoulos wird
Ministerpräsident. Doch die Obristenjunta bricht 1974 zusammen
1981 Griechenland wird Mitglied der Europäischen Gemeinschaft
Serbien, Bulgarien: „Historische“ Ethnonationen gegen
die „Türken“
1804 Befreiungskrieg der Serben des Georg Petrovič, genannt Karadjordje, gegen die Türken
1817 Serbien unter Miloš Obrenovič autonom, d. h. quasi-selbständig
1878 Serbien wird vom Berliner Kongress als unabhängig anerkannt .
1914 – 1918 Als Sieger im Ersten Weltkrieg kann Serbien die Kroaten und die Slowenen vom
Sinn eines gemeinsamen Staats überzeugen: Jugoslawien entsteht.
1876 Der Aprilaufstand der Bulgaren wird von den Osmanen blutig nieder geschlagen
1878 Berliner Kongress: Ein Teil Bulgariens ist unabhängig, der andere untersteht
völkerrechtlich weiterhin dem Sultan, wird aber 1885 von Zar Alexander II. an Bulgarien
angeschlossen.
1912 – 1913 Bulgarien besiegt in einer Koalition mit Griechenland, Serbien und Montenegro die
Osmanen (Erster Balkankrieg). Bei der Aufteilung der Beute kommt es zum Streit. Im Zweiten
Balkankrieg wird Bulgarien von seinen bisherigen Verbündeten geschlagen.
1914 – 1918 Bulgarien schließt sich den Mittelmächten (Deutsches Reich, Habsburgerstaat) und
gehört zu den Verlieren. Im Vertrag von Neuilly verliert es Gebiete und muss hohe
Reparationen auf sich nehmen.
Rumänien und die Erfindung einer langen Tradition in
Abhängigkeit
1861 Einigung der „Donaufürstentümer“ Moldau (Hauptstadt Iasi) und Walachei (Hauptstadt
Bukuresti) unter Alexandru Ioan Cuza
1878 Auf dem Berliner Kongress unter Auflagen – Bürgerrechte auch für Juden – erklärt.
1881 Karl von Hohenzollern erklärt sich zum König
1914 – 1918 Im Ersten Weltkrieg erleiden rumänische Truppen zwar eine schwere Niederlage.
Doch sie stehen auf Seite der Sieger. 1918/19 können sie also ihr Ziel Großrumänien (mit dem
Anschluss von Siebenbürgen, der Bukowina und der Moldau) durchsetzen.
„Jene Deutung, wonach alle soziale Unruhe im Europa der Zwischenkriegszeit vom Versailler
Vertrag ausgegangen sei, geht für Rumänien fehl“ (Heinen 1986, 40)
Vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelt das Land mit der „Legion Erzengel Michael“ bzw. der
„Eisernen Garde“ seinen eigenen Faschismus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt das Land unter sowjetischen Einfluss. In einem zähen
Bemühen kann es sich wesentlich mehr Handlungsfreiheit erringen als die anderen
Sowjetsatteliten.
1989 Als einziges Land der sowjetischen Einflusszone erlebt Rumänien eine Art Revolution.
Der Staats- und Parteichef wird in einem Kurzprozess zum Tode verurteilt und, mit seiner
Frau zusammen, erschossen.
Der Berliner Kongress: Das europäische Konzert der
Großmächte
Das internationale System Europas war auch im 19. Jahrhundert zwischenstaatlich stark
reguliert:
Der Berliner Kongress war eine Konferenz zwischen Vertretern des Deutschen Reiches,
Russlands, Österreich-Ungarns, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und des
Osmanischen Reiches vom 13. Juni bis 13. Juli 1878 in Berlin. Der habsburgische
Außenminister Gyula Andrássy ergriff nach den Wirren am Balkan die Initiative und lud die
europäischen Großmächte zu einer Konferenz . Den Vorsitz führte der deutsche
Reichskanzlers Otto von Bismarck.
Der Kongress ersetzte die in San Stefano festgesetzten Beschlüsse durch die Berliner
Kongressakte, in der es Bismarck als „ehrlichem Makler” gelang, von Russland
Zugeständnisse zu erhalten (Berliner Frieden vom 13. Juli 1878). Serbien, Rumänien und
Montenegro erlangten ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Das Gebiet, das ihnen
im Vertrag von San Stefano zugesichert worden war, wurde jedoch erheblich verkleinert.
Bulgarien wurde in ein autonomes Fürstentum im Norden und eine osmanische Provinz
geteilt. Neben den armenischen Gebieten Batum und Kars erhielt Russland das rumänische
Bessarabien (Moldau). Als Ausgleich wurde Rumänien das türkische Territorium des
südlichen Dobrudscha zugesprochen. Die beiden osmanischen Provinzen Bosnien und
Herzegowina wurden Österreich-Ungarn, Zypern der britischer Verwaltung unterstellt.
Die Türkei: Kemalismus als Nationenbau von oben
Nationalismus als „abgeleiteter Diskurs“
Mustafa Kemal „Atatürk“ (1881 - 1938), General,
nationalistischer Führer, führte den Widerstand
gegen den Vertrag von Sévres, erster Präsident der
Republik Türkei (1923-1938). Den Namen Atatürk
(„Vater der Türken”) nahm er 1934 an.
Die sechs Prinzipien des Kemalismus:
Nationalismus
Laizismus: Der Islam darf keine politische Rolle mehr spielen
Republikanismus
Populismus: Mobilisierung der Massen,
Revolutionismus: gewaltsame wie gewaltfreie gesellschaftliche Umgestaltung
Etatismus: Der Staat gibt ein politisches Entwicklungsprogramm
vor und setzt es durch
Die Sowjetunion bis 1989:
Ein a-nationaler Ansatz
Sowjetunion (UdSSR)
15 Unionsrepubliken: RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik)
Ukraine, Weißrussland, Estland, Lettland, Litauen, Moldau; Kasachstan, Turmenien, Usbekistan,
Kirgisien, Tadjikistan; Armenien, Georgien, Aserbaidjan.
Darin inkorporiert, der Großteil in der FSFSR:
20 Autonome Sozialistische Republiken (16 davon in der RSFSR, eine in Usbekistan, 2 in Georgien
und eine in Aserbaidjan); weiters
8 Autonome Gebiete und
10 Autonomen Bezirken.
Art. 72 der (Breschniewistischen) Verfassung von 1977 stipuliert ein Sezessionsrecht:
„Jeder Unionsrepublik bleibt das Recht auf freien Austritt aus der UdSSR gewahrt.“
Dieses theoretische Recht erscheint bereits in der Verfassung von 1924, mit welcher die
Sowjetunion als föderale Struktur begründet wurde, und auch in der Stalin‘schen Verfassung
von 1936.
Europa in der Zwischenkriegszeit: Die „kleinen
Nationen“ werden selbständig
Die übernationalen Gebilde werden durch ihre Niederlage im Weltkrieg zerschlagen:
Habsburgerstaat, Zarenreich, Osmanisches Reich.
Es entsteht eine größere Anzahl von Kleinstaaten, welche „nationale Homogenität“W
anstreben und dazu zugespitzt nationalistische Politik betreiben:
Finnland, die Baltischen Staaten, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, ... (in
Westeuropa übrigens auch Irland.
Im Lauf von ökonomischen Krisen übernehmen in den meisten dieser Staaten
(Ausnahme: Tschechoslowakei, Finnland) durch Staatsstreiche und ähnliche Mittel
faschistische Parteien und Diktatoren die Macht.
Der Völkerbund (League of Nations) löste das „Europäische Konzert“ ab und sollte
eine weltweite Friedensordnung garantieren. Er war zwar vom US-Präsident Wilson
initiiert worden, doch aus kleinlichen innenpolitischen Motiven verhinderte der
Kongress schließlich den Beitritt der USA. Als eine Reihe von Staaten faschistisch
wurden und Angriffskriege zu führen begannen, traten sie aus dem Völkerbund aus
(Italien, Japan, Deutsches Reich).
Europa nach 1945: Spaltung und globale Lager
drängen nationale Politik in den Hintergrund
Die meisten der Staaten aus der Zwischenkriegszeit (Ausnahme: Die Baltischen Länder)
entstehen wieder.
Doch sie sind nunmehr in die „Systemkonkurrenz“ eingebunden. Ihre Politik wird
bestimmt von den globalen Hegemonialmächten, der „Supermächten“.
Das System der UNO mit der zentralen Institution Vereinte Nationen und vielen
Fachorganisationen, die organisatorisch selbständig sind (UNESCO, UNIDO, FAO, ILO,
...) löst den Völkerbund ab und wird zum Ausdruck des internationalen Systems.
Europa nach 1989
Minderheiten
Macht
Ohnmacht
Mehrzahl
MEHRHEIT
UNTERWORFENE
Minderzahl
ELITE
MINDERHEIT
"Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen
Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese
Chance beruht. ... "Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl
bestimmten Inhaltes bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden" (Weber
1976, 28).
Osteuropa – eine Übersicht
Staat
Minderheit
Zahl 1998
Anteil 1998, in %
Albanien
Griechen
117.000
3,5
Belarussland
Polen
427.000
4,1
1.374.000
13,2
Roma
733.000
8,9
Türken
700.000
8,5
Kroatien
Roma
Serben
35.000
247.000
0,8
5,3
Tschechien
Roma
267.000
2,6
Slowaken
309.000
3,9
Estland
Russen
408.000
28,7
Ungarn
Roma
572.000
5,60
Lettland
Russen
821.000
34,40
Litauen
Polen
252.000
7,00
Russen
313.000
8,70
Albaner
460.000
22,90
Roma
241.000
12,00
Serben
Gagausen
48.000
156.000
2,40
3,50
Slawen
1.195.000
26,80
Magyaren
1.993.000
8,90
Roma
2.083.000
9,30
Magyaren
582.000
10.80
Roma
502.000
9,30
Kroaten
Magyaren
134
448.000
1,20
4,00
1.569.000
14,00
Roma
421.000
4,00
Sandzak Muslime
206.000
1,84
Russen
Bulgarien
Makedonie
Moldova
Rumänien
Slowakei
Jugoslawien
Kosovaren / Albaner
Minderheiten im Europa in der Zwischenkriegszeit
„Völkerbundsystem“
Zum Minderheitenschutz werden durch Einzelbestimmungen in den
Friedensverträgen vor allem die Kriegsverlierer, aber auch die neu entstandenen
Staaten auf dem Gebiet des Habsburgerreichs und des Zarenreichs verpflichtet.
Die Sieger selbst übernehmen keine Verpflichtungen.
Trotzdem ist es ein vergleichsweise effizientes Minderheitenschutzsystem, wenn auch
mit Lücken.
Es wird überwacht durch den STIG (Ständiger Internationaler Gerichtshof).
Gibt es „die Russen“?
Mittelasien:
Azerbaijan
1.964.000
Kasachstan
5.846.000
Kirgisien
814.000
Georgien
245.000
Tadjikistan 210.000
Mittelasien:
Kasachstan
5.846.000
Georgien
Turkmenistan
245.000
Usbekistan
288.000
1.308.000
Ukraine
12.682.000
Weißrussland
??
Baltische Staaten:
Estland
408.000
Lettland
821.000
Litauen
313.000
Moldau
1.195.000
Gesamt
26.054.000
(Ex-) Jugoslawien
Sechs Republiken:
Slowenien
Kroatien
Bosnien und Herzegowina
Serbien, inklusive der
Autonomen Republiken
Montenegro
Makedonien
Kosovo
Wojwodina
Sinti und Roma: Marginale als Minderheit
„Roma“ ist ein Überbegriff, welche die diversen Gruppen selbst gewählt haben, um
die diskriminierende Bezeichnung „Zigeuner“ („Schwarze“, gypsies, ...) zu
vermeiden.
Es gibt viele Gruppen, welche ursprünglich wenig gemeinsam hatten als eine starke
Diskriminierung durch die jeweiligen Mehrheiten seit Hunderten von Jahren:
Roma
Sinti
Lovara
Chalderasch
u. a.
Wie viele Roma gibt es in Europa?
Die Zahlen sind ganz unzuverlässig, weil die Frage nicht beantwortet ist, wer ein
Roma ist. Die Angaben schwanken zwischen 5 und 8 Millionen Menschen.
Bulgarien:
700.000 ?
Rumänien:
2.100.00 ?
Slowakei:
600.000 ?
Früheres Jugoslawien: 420.000 ?
Tschechien:
270.000 ?
Albanien und die Albaner
Albanien wurde als Staat unabhängig 1913, fast gegen den eigenen Willen: Ein
Großteil der Bevölkerung war damals noch auf das Osmanische Reich orientiert,
einzigartig unter den Balkanstaaten und -völkern.
Damals verblieb gut die Hälfte der albanisch sprechenden Bevölkerungsgruppen
außerhalb der Grenzen des neuen Staates.
Kosovo und angrenzende Gebiete:
1,600.000
Makedonien:
460.000
Griechenland
kleine Gruppen sowie Auswanderer
Italien: Abareshe (Sprecher eines alten Albanisch in Süditalien) 10.000 ?
Türken, Muslime
Griechenland
In Westthrakien gibt es eine über 100.000 Personen starke Gruppe von im wesentlichen
türkischer Umgangssprache, welche durch den Lausanner Vertrag völkerrechtlich
geschützt sind, allerdings nicht als „Türken“, sondern als „Muslime“.
Bulgarien
Laut Volkszählung 2001 leben 754.000 Türken in Bulgarien, dazu noch rund 100.000
Pomaken, Menschen mit islamischen Wurzeln, aber bulgarischer Umgangssprache.
Sonderfall Bosnien und Herzegowina (BiH)
Die Muslime, manchmal nach historischem Muster Bosniaken genannt, sind die größte
Gruppe dieser ehemaligen jugoslawischen Republik, haben aber keine Mehrheit. Sie
waren früher die „Titularnation“ ihres Gebiets. Im heutigen BiH müssen sie die Macht
mit den Serben und den Kroaten teilen.
Ungarn und „seine“ Magyaren
Amtssprache in Ungarn war bis 1784 das Latein – die Sprache einer kleinen
Oberschichtgruppe, des magyarischen Adels!
Bis 1918 / 1919: Zu den „Länder der Stephanskrone“ gehörte auch Kroatien und Slawonien,
die Slowakei (damals: „Oberungarn“), und Siebenbürgen (Transsylvanien) im heutigen
Rumänien, weiters schließlich auch das heutige österreichische Bundesland Burgenland sowie
das slowenische Gebiet Prekmurje.
Im Friedensvertrag von Trianon wurde dieses alte Großungarn auf ein Drittel der Fläche
reduziert. Es verblieben Millionen von Magyaren außerhalb der Grenzen des ungarischen
Staats.
Slowakei: rund 600.000
Rumänien: 2,000.000
Serbien: 580.000
Slowenien: 8.000
In kleinen Zahlen auch in Österreich und in der Ukraine
Heute: Ungarn führt gegen seine eigenen Minderheiten eine mustergültige Politik.
Doch es geriert sich als Schutzmacht für die Magyaren Im Ausland. Hier sind seine
Maßnahmen umstritten und werden mit Misstrauen betrachtet („Statusgesetz“)
Rumänien
Hidden Minorities oder Folklore?
Aromunen
Koutsovalachen (Megleno-Rumänen)
Bunjewatzen
Huzulen
Czoernig 1857, VIII: "In keinem Gebietsteil der Monarchie haben sich im Verhältnis zu
dem Umfange soviele Reste verschiedener Nationalitäten und von Abstufungen derselben
noch mehr als in der Sprache, in der Kleidung und in der Sitte erkennbar erhalten, als in
der kleinen Halbinsel von Istrien... Aber nicht allein die 13 ethnographischen Nuancen,
welche der Unterzeichnete dasselbst festzustellen vermochte – Italiener (directe Nachkommen der römischen Ansiedler und Venezianer), Romanen (Walachen), Albanesen,
Slovenen (Savriner, Berschaner und Verchiner), Kroaten (Berg-, Ufer- und Inselbewohner), Beziaken und Fucky, Serben (Uskoken, Morlaken und Montenegriner) und die
rätselhaften Tschitschen – sind es, welche der ethnographischen Darstellung Verlegenheit
bereiten, sondern insbesondere die Verschmelzung verschiedener Abtheilungen einander
nahestehender, ja selbst der entgegengesetztesten Volksstämme." – Erst als die Welt
nationalstaatlich strukturiert wurde, setzte sich auch in diesem Gebiet die ethnonationale
Vereinheitlichung durch.
In Westeuropa u. a.:
Sprachinseln der Cimbern in Oberitalien
Kleinminderheiten: Der Fall der Ruthenen
Slowakei laut Volkszählung 2001: 24.201 „Ruthenen“ und 10.814 „Ukrainer“; aber es gibt laut
derselben Zählung 54.907 Menschen, welche Ruthenisch als ihre Muttersprache angeben,
wovon sich aber der Nationalität nach 28.885 als Slowaken einordnen.
Ukraine: Ruthenen werden offiziell zu den Ukrainern gezählt, vielleicht 40.000. Ruthenische
Nationalisten selbst geben phantastische Zahlen bis zu 600.000 Köpfe an.
Assimilation: Der Wechsel von Identitäten und (ethnischen) Zugehörigkeiten, meist von einer
Minderheit zur Mehrheitsnation. Die ethnisch bewussten Sprecher der Minderheiten betrachten
gewöhnlich Assimilation als Hauptgefahr ihrer Einheit und behandeln nicht selten die
Assimilierten als „Verräter“. Doch Zugehörigkeit ist eine Frage auch der Option, der
Wahlfreiheit. Ein ethisch-politisches Problem aus einer liberalen Sicht erhebt sich dort, wo
Assimilation nicht freiwillig erfolgt, sondern unter politischem Druck vor sich geht.
„When we compare the rubric ‚nationality‘ in census from different dates we find an incredible
fluctuation: inhabitants of the same village are mentioned once as Rusyns, ten years later as
Slovaks, a further ten years later as Russians, later still as Ukrainians, then again as Slovaks.“
Musinka 1992, 224
Immigranten und Migranten
Einwanderer: Hauptproblem ist nicht der Spracherhalt und die Identität, sondern die
Integration. Einwanderer stehen meist am Fuß der sozialen Pyramide.
Minderheitenschutz
Die wichtigste Instanz für den Minderheitenschutz in Europa ist
der
EUROPARAT
The European Convention on Human Rights
Rome, 4 November 1950
Framework Convention for the Protection of National Minorities
Strasbourg, 1. II. 1995
Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen1
Straßburg/Strasbourg, 5. XI. 1992
UNO-Dokumente (nicht bindend)
„Symbolische Ethnizität“: Die Zukunft der Minderheiten?
Der US-Kultursoziologe Gans 1985: „Da die strukturellen Funktionen von ethnischen
Kulturen und Gruppen an Bedeutung abnehmen und Identität die hauptsächliche Weise ist, in
der man ’ethnisch’ ist, bekommt Ethnizität eher eine expressive als eine instrumentale
Funktion im Leben der Menschen, wird so mehr und mehr zu einer Freizeit-Aktivität und
verliert an Relevanz z. B. für die Regulierung des Familienlebens oder den Lebensunterhalt.
Expressives Verhalten kann viele Formen annehmen; es beinhaltet meist auch die Nutzung von
Symbolen eher als Zeichen denn als verhaltensleitenden Mythen …“
Tatsächlich hat in den USA Ethnizität im Alltag, abgefragt unter der Bezeichnung „ancestry“,
keine Bedeutung mehr. Die Sprachkenntnis geht meist schon in der zweiten Generation
verloren. „Ethnizität“ heißt dann die Erinnerung an eine bestimmte Abstammung.
Changes in Language Use of U.S.born south-centraleastern Eruopean Ethnics
Born
% report non-English
% Currently speak
non-English language
non-English language home
în childhood home
before 1916
76,8
18,2
1916 – 1930
70,2
14,9
1931 – 1945
45,5
6,2
1946 – 1960
24,9
4,3
after 1960
9,8
5,8 (Alba 1990)

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