Für Wissenschaft

Report
Biologische Grundlagen der
Friedensforschung
Gunnar Jeremias, Reinhard Lieberei, Jürgen Scheffran
PROGRAMM
02.04.2014 G. J.
Einführung, Begriffsdefinitionen, Bezüge zu Biowaffen und zur Umweltsicherheit,
globale Dimension des Themas
09.04.2014 G.J.
Historische Konfliktfälle mit biologischem Hintergrund;
Biowaffenprogramme, Biowaffenkontrolle (vertraglich/praktisch)
16.04.2014 G.J.
Dual-use-Fallbeispiel: Mouse Pox (Simulationsspiel)
23.04.2014 R.L.
Gentechnologie: Know how mit dual use Aspekten, Grundlagen der biologischen
Methoden
30.04. 2014 R.L.
Systeme mit hohem Missbrauchspotential
(biological threats), biologische Beiträge zur Gesundheit, Friedenssicherung, potentielle
Bedrohungen /Szenarien Abhilfe
07.05. 2014 R.L.
Biologische Systeme und Friedensforschung
a) Konflikte und Kooperation in ökologischen Systemen
14.05.2014 J.S.
Biologische Systeme und Friedensforschung
b) Konflikte und Kooperation in ökologischen Systemen (Modelle: Räuber-Beute etc.)
21.05. 2014 R.L.
Konzept der Umweltsicherheit: Ökologische Störungen
a) Ernährung
28.05 2014 J.S.
Konzept der Umweltsicherheit: Ökologische Störungen
b) Bioenergie
04.06. 2014 R.L., J.S.
Klimawandel/Vegetation/Biodiversität
11.06. 2014
Pfingstferien
18.06. 2014 J.S.
Umweltkonflikte und Klima
25.06.2013 G.J., J.S.,R.L.
Abschlussdiskussion: Von der Katastrophenvermeidung zur Friedenssicherung
02.07.2013
Klausur
p. 2
Friedensforschung und Biologie
1. Zentrale Begriffe
1.1 Krieg/bewaffneter Konflikt
1.2 Frieden
1.3 Sicherheit
1.4 Entwicklung
1.5 Nachhaltigkeit
1.6 Verantwortung
2. Die Verbindung von Friedensforschung und Naturwissenschaft
2.1 Disziplinäre Beispiele
2.2 Biologie und Friedensforschung
3. Friedensforschung als angewandte Wissenschaft
3.1 In der (internationalen) Politik
3.2 In der Wissenschaft
4. Literatur
p. 3
1.1 Zentrale Begriffe - Krieg/bewaffneter Konflikt
Krieg: gewaltsamer Massenkonflikt, der alle folgenden Merkmale aufweist:
(a) an den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt, bei denen
es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte (Militär,
paramilitärische Verbände, Polizeieinheiten) der Regierung handelt;
(b) auf beiden Seiten muss ein Mindestmaß an zentralgelenkter Organisation der
Kriegführenden und des Kampfes gegeben sein, selbst wenn dies nicht mehr
bedeutet als organisierte bewaffnete Verteidigung oder planmäßige Überfälle
(Guerillaoperationen, Partisanenkrieg usw.);
(c) die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer gewissen Kontinuierlichkeit
und nicht nur als gelegentliche, spontane Zusammenstöße, d.h. beide Seiten
operieren nach einer planmäßigen Strategie, gleichgültig ob die Kämpfe auf dem
Gebiet einer oder mehrerer Gesellschaften stattfinden und wie lange sie dauern.
Kriege werden als beendet angesehen, wenn die Kampfhandlungen dauerhaft, d.h.
für den Zeitraum von mindestens einem Jahr, eingestellt bzw. nur unterhalb der
AKUF-Kriegsdefinition fortgesetzt werden.
Als bewaffnete Konflikte werden gewaltsame Auseinandersetzungen bezeichnet, bei
denen die Kriterien der Kriegsdefinition nicht in vollem Umfang erfüllt sind. In der
Regel handelt es sich dabei um Fälle, in denen eine hinreichende Kontinuität der
Kampfhandlungen nicht mehr oder auch noch nicht gegeben ist.
(AKUF)
p. 4
1.1 Zentrale Begriffe - Krieg/bewaffneter Konflikt
Unterscheidungen möglich hinsichtlich:
• Ursachen (Unabhängigkeitskrieg, Kolonialkrieg,…)
• Zielen (Angriffs-, Verteidigungskrieg, Eroberungskrieg,…)
• Formen (regulärer Krieg, Guerillakrieg, Volkskrieg,…)
• Eingesetzten Waffengattungen (konventioneller, nuklearer,
bakteriologischer,… Krieg)
• Räumen (regionaler Krieg, Weltkrieg).
„Friedenserzwingende“ und „friedenserhaltene“ Maßnahmen
Kriegsvölkerrecht zur Regelung des Verhaltens von Kriegsparteien – bei
internationalen Kriegen
p. 5
1.2 Zentrale Begriffe - Frieden
Friedensbegriffe
• Abwesenheit von Krieg: „negativer“ Friedensbegriff
• Traditionell (national-) staatliches Denken
• Anwesenheit einer „Friedenskultur“: „positiver“ Friedensbegriff
Weitere Näherung über den Begriff der Friedensforschung
p. 6
1.2 Zentrale Begriffe - Frieden
Geschichte der institutionalisierten Friedens- (und Konflikt-) Forschung
• Seit den 1960er Jahren als eigenständiger Zweig der
Politikwissenschaft (z.B. in Abgrenzung zu Internationalen
Beziehungen) etabliert.
• In Deutschland: Anfang der 1970er Gründung einschlägiger Institute
(IFSH, HSFK,…). Förderung aus Bundesmitteln (bis 1982).
• Politische Agenda. Czempiel (2002) „Kopfgeburt der
sozialliberalen Koalition […], nicht als autonome
Ausdifferenzierung der Wissenschaft von den Internationalen
Beziehungen.“
• Thematik meist der Ost-West-Konflikt. Normative Orientierung
an Entspannung.
• International: SIPRI, PRIO. In den USA: Reaktion auf den
Vietnamkrieg
• Später Ausweitung der politisch-gesellschaftlichen Unterstützung aus
zivilgesellschaftlichen Bewegungen (Frieden, Anti-Atom,…).
Friedensforscher nehmen Expertenrollen in den Bewegungen ein.
p. 7
1.2 Zentrale Begriffe - Frieden
Geschichte der institutionalisierten Friedens- (und Konflikt-) Forschung
• Nach dem Ost-West-Konflikt:
• Aufschwung der „Internationalen Beziehungen“
• Weitere Institute und Masterprogramme (Hamburg, Marburg,
Darmstadt,…)
• Verstärkte Förderung vor allem von Projekten, die
Konfliktvermeidung, -bearbeitung, sowie -nachsorge und
„Governance“ aufeinander beziehen.
• Verhältnismäßig weniger Forschung zu Rüstungskontrollthemen.
p. 8
1.2 Zentrale Begriffe - Frieden
Phasen der Friedensforschung
1.) Entwicklung des Friedensbegriffs
2.) Friedensforschung als politische Wissenschaft?
p. 9
1.2 Zentrale Begriffe - Frieden
Phase 1: Theoriedebatten um den „richtigen“ Friedensbegriff
Hauptströmungen:
•
•
Traditionelle Friedensforschung
• Forschung ÜBER Frieden
• Untersuchung von Krieg und Frieden als Phänomene
zwischenstaatlichen Handelns
Kritische Friedensforschung
• Forschung FÜR den Frieden
• Erweiterung des Friedensbegriffs
p. 10
1.2 Zentrale Begriffe - Frieden
„Traditionelle“ vs. „Kritische“ Friedensforschung (ab den 1970er Jahren)
• Kritische Theorie: Emanzipatorische Kritik an gesellschaftlicher
Ordnung, Interesse auf globalen Wandel und soziale
Gerechtigkeit.
• Kritik an den „Traditionalisten“ v.a. in den USA:
Befriedungsforschung (Interesse: Stabilisierung der
herrschenden Machtverhältnisse).
• In der Friedensforschung: Konzept der strukturellen Gewalt“
(Galtung 1971).
p. 11
1.2 Zentrale Begriffe - Frieden
Strukturelle Gewalt
„Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender
menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner
ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der
Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was
potentiell möglich ist“. (Galtung 1969)
„Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch
stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit
nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen
durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen
in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem
Staat verboten.“ (Me-Ti 5. Jh. v. Chr.; nach B. Brecht)
p. 12
1.2 Zentrale Begriffe - Frieden
Strukturelle Gewalt
• Gewalt als gesellschaftliches Strukturprinzip (und nicht eine konkrete
Handlung).
• Sozial-, und kapitalismuskritische Auslegungen
• „Kritik an der Kritik“:
• ihrerseits Legitimation von Gewalt,
• schlechte unterscheidbarkeit von „Herrschaft“,
• Begriff zu weit, um ihn nutzen zu können.
p. 13
1.1 Zentrale Begriffe - Frieden
Phase 2: Friedensforschung als politische Wissenschaft?
• Galtung/Krippendorff: Friedensforschung als unbedingt pazifistisch
kodierte Wissenschaft. „Sie ist einem Ziel verpflichtet, dass zugleich ihren
Weg bestimmt.“
• Krippendorff (1970): „Wenn du den Frieden willst, dann ändere die
gesellschaftlichen Voraussetzungen, die bisher immer zum Krieg geführt
habe.“
Vs.
•
Erarbeitung von Vorschlägen zur zivilen Konfliktbearbeitung entlang
politischer Vorgaben (Einbindung in Militäreinsätze, die (wieder) als
„normales“ Mittel zur Konfliktlösung gelten).
•
Nicht mehr der Konflikt, sondern der Diskurs über den Konflikt ist
Gegenstand der Untersuchungen (scheinbar objektive Distanz zum
Gegenstand, positivistische Wissenschaft): Dekonstruktion von Debatten
lässt dem Forscher die Möglichkeit, nicht selbst Position beziehen zu
müssen.
Kritik: Normativität (durch beliebige Nichtbeachtung wichtiger Parameter,
wie historischen Dimensionen, Identifizierung von Interessen,…) wird
nur kaschiert. Entpolitisierung ist keine.
p. 14
1.3 Zentrale Begriffe - Sicherheit
Kollek 2011/12
p. 15
1.3 Zentrale Begriffe - Sicherheit
(Internationale) Sicherheitspolitik
• kontinuierliche Erweiterung der inhaltlichen Reichweite
(ursprünglich: Sicherheit von Staaten vor militärischen Angriffen)
• Politische Implikationen von „Versicherheitlichung“ (von
Gesundheit, Klima, Umwelt, …): HUMAN SECURITY
USA, EU, UN-Sicherheitsrat (2007): Beschäftigung mit den
„Auswirkungen des Klimawandels auf den Frieden und die
Sicherheit“. Angebotene „Lösungen“ beziehen sich größtenteils auf
Migration. Globale friedensfördende Wirkung fraglich (ebenso:
Gesundheit, Entwicklung,…).
p. 16
1.3 Zentrale Begriffe - Sicherheit
(Internationale) Sicherheitspolitik
• Machteliten (der Staat/Allianzen) definieren, wo
Sicherheitsprobleme auftreten, die das Funktionieren politischer
Problembewältigung gefährden und reklamieren die
sicherheitspolitische Gestaltungsmacht auf dem Feld.
• Sorgen/Gegenstrategien gelten nicht einer holistischen
Problemlösung, sondern der Problembewältigung eines
Staates/Bündnisses (Ole Waever).
• Ironie der Geschichte: Häufig waren es zunächst globale
zivilgesellschaftliche Organisationen, die zuerst die
Sicherheitsrelevanz bestimmter Problemfelder
(Entwicklungspolitik) betonten, um diese stärker in den
Mittelpunkt staatlichen Interesses zu rücken – um den Preis
einer staatlich/militärischen Okkupation der Thematiken.
p. 17
1.3 Zentrale Begriffe - Sicherheit
Sicherheit und Technikanwendung
• Engl.: Safety vs. Security (Betriebssicherheit vs. Angriffssicherheit)
•
•
Risiko- und Gefahrenvermeidung in komplexen Systemen letztlich
unmöglich: Bestimmung vertretbarer/verantwortbarer Risiken
(Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit x Vulnerabilität x Schadensgröße)
Produktion von Unsicherheit: Erkenntnis als Problem.
• Innovative Einzelprojekte z.B: H5N1: Erkenntnisse zu Grippe
wichtig / Missbrauchs- bzw. Ausbruchssicherheit
• Global systemisch: Handeln als Teil eines Systems
„Was beim Herauslösen der epistemischen Dinge aus ihrem Kontext
verlorengeht, sind die gesellschaftlichen Zusammenhänge“
(Nowotny/Testa)
• Werkzeug für die Handhabung des Dilemmas:
Technikfolgenabschätzung
p. 18
1.4 Zentrale Begriffe - Entwicklung
Häufig wird ein direkter Wirkungszusammenhang von Entwicklung und
Frieden vermutet
Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik: „vernetzte Sicherheit“.
(Bundesregierung 2006).
Kritik:
• Was ist Entwicklung?
• Oktroyiertes Entwicklungsmodell?
• Entwicklung als Zivilisierung.
• Kein Anhaltspunkt dafür, dass „nicht entwickelte“ Gesellschaften
friedlicher oder kriegerischer wären.
p. 19
1.4 Zentrale Begriffe - Entwicklung
Senghaas
p. 20
1.5 Zentrale Begriffe - Nachhaltigkeit
Die Menschheit besitzt die Fähigkeit, Entwicklung
nachhaltig zu gestalten, um damit der gegenwärtigen
Generation die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu sichern,
ohne dabei die Verwirklichungschancen zukünftiger
Generationen zu gefährden.
(Brundtland-Kommission 1987)
p. 21
1.5 Zentrale Begriffe - Nachhaltiger Frieden?
•
•
•
Friede durch globale intra- und intergenerationelle Gerechtigkeit.
Umsetzung der Strategien für Nachhaltigkeit erfolgt auf lokaler,
regionaler, nationaler und globaler Ebene.
Lösungsansätze schließen ebenfalls politische, ethische, technische
und soziokulturelle Aspekte ein.
Brock 2002: „Mit dem nachhaltigen Frieden [konnte] ein zentraler Aspekt
der Umweltdebatte aufgegriffen werden, nämlich das Gebot, Politik
als Veranstaltung zu denken, die die eigenen Wirkungen in
Generationen übergreifenden zeitlichen Bezügen reflektiert. Aber
jedes Adjektiv, das dem Frieden angehängt wird, eröffnet neue
Ansatzpunkte, ihn auszuhebeln. Wenn es gilt, einen nachhaltigen
Frieden herzustellen, so müsste der nicht-nachhaltige notfalls
gebrochen werden, um ihn in einen nachhaltigen zu überführen.“
Aber, „Man sich bewusst [machen], dass der Friede eine
unabdingbare und zugleich unerfüllbare Aufgabe ist.“
p. 22
1.6 Zentrale Begriffe - Verantwortung
Verantwortung
Subjekte von Verantwortung:
• Individuum
• Institution
• Kollektiv
Objekte von Verantwortung:
• ein bestimmter Mensch, Tier, Pflanze, die Natur/Umwelt
• Soziale Gemeinschaft, globale ökologische Zusammenhänge
• Zukünftige Generationen/Umwelten
Ethik: Theorie/Werkzeug zur Beurteilung menschlichen/
gesellschaftlichen Handelns.
Hier: normative/angewandte Ethik im Mittelpunkt: Anwendung
ethischer Paradigmen auf konkrete Fragen (Umweltethik, Bioethik,
Wissenschaftsethik, Ethik politischen Handelns,…
(Quelle: Kollek, SoSe 2012)
p. 23
1.6 Zentrale Begriffe - Verantwortung
Verantwortungsethik
•
•
Begriff: Max Weber 1919
Grundlage: Zum ewigen Frieden (Kant) - kategorischer Imperativ
„…handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich
wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Unterdiskurs: Technikethik
• Hans Jonas (1979): Das Prinzip Verantwortung („Ethik für die
technologische Zivilisation“)
„Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen
verträglich sind mit der Permanenz echten
menschlichen Lebens auf Erden“
Ökologischer Imperativ
p. 24
1.6 Zentrale Begriffe - Verantwortung
Verantwortung und Wissenschaft
Weber: Werturteilsfreiheit von Wissenschaft Trennung von „Sein“ und „Sollen“ ethisch
geboten - Wissenschaft als autonomes, nur auf den Wert der „objektiven
Erkenntnis“ ausgerichtetes System?
•
Für Wissenschaft
Gute wissenschaftliche Praxis
•
Von Wissenschaft
Maßnahmen zur Vermeidung von
• Intendiertem Fehlverhalten
• Unintendiertem Fehlverhalten
Wissenschaft als gesellschaftliches Subsystem!
„Wissenschaft ist Teil des gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses, ob sie sich
dessen bewusst ist oder nicht. Wissenschaft steht immer in Zusammenhang mit den
grundlegenden Interessen der Gesellschaft an der Reproduktion ihres
Lebenszusammenhangs, d.h. Interessen an einer Nutzung der Natur, an gegenseitiger
Verständigung und an Reflexion über sich selbst. Gesellschaftliche Verantwortung kann
daher nicht abgelehnt werden. Sie bewusst zu übernehmen, heißt für die Wissenschaft,
ihren Stellenwert in der Gesellschaft zu reflektieren.“ (Kock 2009)
p. 25
1.6 Zentrale Begriffe - Verantwortung
Technikethik
• Vermeidung unabschätzbarer Risiken, um den Bestand der
Menschheit als Ganzes nicht zu gefährden, sowie der Anerkennung
der Eigenrechte der ganzen Natur, für die dem Menschen aufgrund
seiner Handlungsmöglichkeiten die Verantwortung zukommt.
• Kritik: ökozentrische Ethik
• Aber Weber sieht keine Verantwortung von Wissenschaftlern!
• Wissenschaftler müssen die (wertungsfreien) Erkenntnisse in ihrer
Eigenschaft als Staatsbürger/Mitglieder einer Zivilgesellschaft ethisch
bewerten.
• Lenk (2002): „Wissen verleiht Macht und Macht Verantwortung.“
• Dürr (1995): „Durch Technik ist Naturwissenschaft aus dem
Elfenbeinturm herausgetreten.“
• „Was beim Herauslösen der epistemischen Dinge aus
ihrem Kontext verlorengeht, sind die gesellschaftlichen
Zusammenhänge.“ (Nowotny/Testa)
p. 26
Zentrale Begriffe – Begriffe: Zusammenfassung
•
Klare Definitionen sind Mangelware.
•
Frieden im Spannungsfeld vermeintlich klärender Begriffe.
•
Zielsetzung hier: Was kann Biologie zur Debatte beitragen?
p. 27
2. Disziplinäre Beiträge
Häufige Konzentration auf Waffentechnik und Verifikation.
Nutzen für das grundsätzliche Verständnis friedensgefährdender /
friedensunterstützender Zusammenhänge oft nicht gesehen.
In vielen Abkommen ist das Hinzuziehen (natur-) wissenschaftlicher
Expertise institutionalisiert: Scientific advisory boards, meetings of
experts, Akzeptanz/Förderung wissenschaftlicher
Expertenorganisationen: Pugwash, INES, ZNF, IFSH,…
Diffusion von Innovationen: früher: militärisch => zivil
heute: zivil => militärisch
p. 28
2.1 Disziplinäre Beiträge - Physik
•
•
•
Ballistik: Geschosse, Raketen
Kernwaffen:
• Konstruktion
• Monitoring/Verifikation
• IAEA
• CTBTO
• Atmosphärische Ausbreitung
Verifikationstechniken teils auch für konventionelle Waffen und
andere Verträge nutzbar
p. 29
2.1 Disziplinäre Beiträge - Chemie
•
•
•
•
Chemische Kampfstoffe
Wachsende Konvergenz zu biologischen Kampfstoffen
Chemie und Umwelt (intendierte und hingenommene
friedensgefährdende Zerstörungen durch Chemiekalieneintrag in
Ökosysteme)
Chemikalische Detektionsmethoden
p. 30
2.1 Disziplinäre Beiträge - Mathematik
•
Modellierung: Prognosen für Geschehnisse in dynamischen, stabilen,
konfinierenden, Modellen.
z.B.
• Risiko,
• Spieltheorie (Wettbewerbsverhalten)
• Konfliktmodelle (Populationsökologie,…)
p. 31
2.1 Disziplinäre Beiträge - Informatik
•
•
•
Cyberwar
Network Centric Warfare
Internet
p. 32
2.2 Disziplinäre Beiträge - Biologie
• Methoden zum Bau biologischer Waffen und zu deren Kontrolle,
• Nutzung biotechnischer Methoden in Landwirtschaft und
Energiegewinnung
• Ökosystemanalyse und -Management
p. 33
3. Was tun? Politik und Völkerrecht
•
UN als solche
•
Genfer Protokoll (Protokoll über das Verbot der Verwendung von
erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen sowie von
bakteriologischen Mitteln im Kriege, 1925)
• Ersteinsatzverbot, aber keine Vorgaben zu deren Entwicklung,
Herstellung und Lagerung.
•
Biowaffenkonvention („Konvention über das Verbot der Entwicklung,
Herstellung und Lagerung bakteriologischer (biologischer) Waffen
und Toxinwaffen sowie über die Vernichtung solcher Waffen“,
1972/1975)
p. 34
3. Was tun? Politik und Völkerrecht
ENMOD (Convention on the Prohibition of Military or Any Other Hostile
Use of Environmental Modification Techniques);
Umweltkriegsübereinkommen (1978)
• Verbot der militärischen oder einer sonstigen feindseligen
Nutzung umweltverändernder Techniken.
• verbietet den Vertragsparteien „gezielte militärische Eingriffe in
natürliche Abläufe der Umwelt, aber auch die Nutzung von
Einflüssen der natürlichen Umwelt als Waffe in einem Krieg oder
bewaffnetem Konflikt.“
• Zusatzregelungen zu den Genfer Konventionen (1949): Regeln
für den Schutz von Personen, die nicht an den Kampfhandlungen
teilnehmen
• Beispiele: Anzünden von Ölfeldern, Öleinleitungen ins Meer
(Irakkrieg 1991).
• Umweltschäden als häufige Nebenwirkung moderner Kriege sind
nicht Gegenstand der Konvention.
p. 35
3. Was tun? Politik und Völkerrecht
Biodiversitätskonvention:
• Definition biologischer Vielfalt: „Ökosysteme, Artenvielfalt, genetische
Vielfalt innerhalb von Arten“.
• Ziel: Schutz der biologischen Vielfalt, nachhaltige Nutzung,
geregelter Zugang zu den Ressourcen.
• Cartagena-Protokoll für Biosicherheit (2003)
• Handel von GVOs
• Nagoya-Protokoll (Nagoya Protocol on Access to Genetic
Resources and the Fair and Equitable Sharing of Benefits Arising
from Their Utilization, 2010, nicht in Kraft)
• Zugang zu genetischen Ressourcen und Vorteilsausgleich
p. 36
3. Was tun? Wissenschaft
Friedensbezogene self-governance von Wissenschaft
•
Organisationen
Pugwash (Russel-Einstein-Manifest) 1955, Nobelpreis 1995,
Schon früh auch CBW-Sektion
p. 37
3. Was tun? Wissenschaft
Friedensbezogene self-governance von Wissenschaft
Codes of Conduct
• Regeln für die Anerkennung der Verantwortung von Wissenschaft
• Ursprung in Deutschland: Göttinger Erklärung (1957)
bundesdeutscher Atomwissenschaftler gegen die atomare
Aufrüstung der Bundeswehr.
• Internationaler Meilenstein im Bereich Biologie: Asilomar Confernece
on Recombinant DNA (1975).
• 140 Wissenschaftler entwerfen Regeln für den verantwortlichen
Umgang mit rekombinanter DNA. Einführung des Prinzips der
Vorbeugung in die Lebenswissenschaften. Grundstein für den
heutigen öffentlichen Diskurs über Risiken und
Missbrauchspotentiale .
• Upsalla Code of Ethics for Scientists
• Zivilklausel (12 deutsche Universitäten)
p. 38
3. Was tun? Wissenschaft
Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Frieden
NGOs vs. epistemic community
p. 39
4. Literatur
Altmann, J. et al. (2007): Naturwissenschaft – Rüstung – Frieden
Avenhaus, R. et al. (2006): Verifying treaty compliance : limiting weapons of mass destruction and
monitoring Kyoto protocol provisions
Brecht
Brock, L. (2002): Von der ökologischen Sicherheit zum nachhaltigen Frieden?; in Aus Politik und
Zeitgeschichte, Bundeszentrale für Politische Bildung
Brundland, G. H. (1987): Our Common Future, United Nations World Commission on Environment
and Development
Czempiel (2002): Der Friedensbegriff der Friedensforschung; in Sahm A. et al. Die Zukunft des
Friedens, Eine Bilanz der Friedens- und Konfliktforschung, S. 83-93
Dürr H.-P. (1995): Das Netz des Physikers, Naturwissenschaftliche Erkenntnis in der Verantwortung.
München Wien 1988
Galtung J. (1969): „Violence, peace and peace research“ in: Journal of Peace Research, Vol. 6, No. 3
(1969), pp. 167-191
Jonas H. (1979): Das Prinzip Verantwortung, Ethik für die
technologische Zivilisation
Kant I. (1795): „Zum ewigen Frieden“
Kock, K. (2009): Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung; Arbeitspapier der Hans-Böckler
Stiftung
Kollek, R. (2012): Naturwissenschaft-Gesellschaft-Verantwortung (Vorlesung an der Uni HH)
Lenk H. (1993): Über Verantwortungsbegriffe und das Verantwortungsproblem in der Technik, in:
Hans Lenk und Günter Ropohl (Hrsg.): Technik und Ethik, 2. Aufl. Reclam, Stuttgart 1993, 112148
Ruf, W. (2009): Quo vadis Friedensforschung?; in: Baumann, Marcel et al. (Hrsg.): Friedensforschung
und Friedenspraxis; S. 42-56.
Schlotter, P. und Wisotzki, S. (2011): Friedens- und Konfliktforschung
Senhaas, D. (1994): Wohin driftet die Welt? Über die Zukunft friedlicher Koexistenz.
Upsalla Code of Ethics for Scientists (1984)
Waever, O.:
Weber, M. (1917): Der Sinn der »Wertfreiheit« der soziologischen und ökonomischen
Wissenschaften (1917), in: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1988
(zuerst 1922), 489–540.
p. 40

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