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Report
Kompetenzbasierte Berufsbildung im
kulturellen Kontext
Prof. Dr. Carmen Baumeler
Internationale Berufsbildungszusammenarbeit:
Die „Swiss Vocational Education and Training Initiative India“
Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB IFFP IUFFP
KONTEXT: STEIGENDES
INTERNATIONALES INTERESSE AN DER
SCHWEIZER BERUFSBILDUNG
12.09.2013
Prof. Dr. Carmen Baumeler
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Hintergrund (I)
“Junge Menschen kompetent für die Arbeitswelt auszubilden, ist dringend
notwendig geworden. Weltweit sind Regierungen mit den langfristigen
Folgen der Finanzkrise und den Herausforderungen immer stärker
wissensbasierter Ökonomien konfrontiert. Wenn Länder in einer sich
immer rascher verändernden Welt prosperieren sollen, müssen sie der
Ausbildung kompetenter Arbeitskräfte noch grössere Aufmerksamkeit
schenken.”
(UNESCO-Bericht “Youth and skills. Putting
education to work” 2012: 13)
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Hintergrund / Kontext (II)
 Wachsendes internationales Interesse an der Berufsbildung
 Internationale Politik lässt sich im Bildungsbereich von Ländern mit
tiefer Jugendarbeitslosigkeit inspirieren, wie beispielsweise der
Schweiz
 Diese Länder haben hochentwickelte duale Berufsbildungssysteme
(d.h. kombinieren schulischen Unterricht und Lernen am Arbeitsplatz)
und verfolgen die Idee einer kompetenzbasierten Ausbildung
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Jugendarbeitslosigkeit 2008-2012
Quelle:
ILO 2013: 11
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Internationaler Vergleich des Anteils
Lernender in der schulischen und
dualen beruflichen Grundbildung,
2006.
Quelle: Kuczera, Kis, and Wurzburg 2009: 24
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AUSGANGSPUNKT UND FRAGESTELLUNG
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Zitat
“Indische Lehrer unterrichten traditionell frontal, was die Lernenden in
eine passive, rezeptive Rolle versetzt. Es war sehr wichtig für mich, den
kulturellen und historischen Hintergrund zu verstehen. Wir haben dann
unsere Ausbildung angepasst, so dass ein stärkerer kompetenzbasierter
Ansatz eingeführt werden konnte, ohne dabei den gesamten Kontext zu
ignorieren.”
(Jahresbericht EHB IFFP IUFFP, H.P. Tanner)
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Fragen
1) Kann kompetenzbasierte Berufsbildung, wie sie in einer
westeuropäischen Perspektive definiert wird, von einem kulturellen
Kontext auf einen anderen übertragen werden?
2) Welche Schwierigkeiten traten auf und welche Übersetzungen
(“Translations”) wurden gefunden, um das pädagogische Konzept der
kompetenzbasierten Bildung von der Schweiz auf Indien zu
übertragen?
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THEORETISCHER HINTERGRUND
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Theoretischer Hintergrund I
Das Konzept der “idealen Person“:
Das Konzept der idealen Person steht immer im Zentrum eines
Bildungssystems. Es ist historisch abhängig von sich verändernden
sozialen und ökonomischen Bedürfnissen und Werten. Vorstellungen
darüber, wer zu bilden ist, den geeigneten Inhalt der Bildung, wie
Menschen lernen und wie Bildung organisiert sein sollte, sind eng mit
diesem Idealtypus der Person verknüpft.
(Cummings 1999)
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Theoretischer Hintergrund II
Institutioneller Wandel:
Der Übersetzungsprozess (“Translation“) bedeutet die Kombination neuer,
von aussen durch Diffusion empfangener Elemente und alter, vor Ort
gegebener Elemente aus der Vergangenheit. (Campbell 2004: 80)
Oft müssen neue Elemente modifiziert werden, um sich mit den bereits
bestehenden Institutionen (auch Wertvorstellungen/Überzeugungen) und
dem lokalen Kontext zu verbinden.
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Kompetenzbasierte Ausbildung als
neues Bildungsparadigma (I)
Inhalt des Lehrplans (Mitwirkung wirtschaftlicher Stakeholder an der
Erarbeitung der Lerninhalte):
1) Die Kompetenzen, die die Grundlage der Lehrpläne bilden, werden
definiert.
2) Berufsbezogene Kernprobleme sind Ausgangspunkt für die (Neu-)
Gestaltung des Curriculums (Lernen und Prüfen).
Unterricht:
3) Die Kompetenzentwicklung der Schüler wird vor, während und nach
dem Lernprozess bewertet.
4) Lernaktivitäten erfolgen in verschiedenen authentischen Situationen.
5) Wissen, Fähigkeiten und Verhalten sind in Lern- und
Bewertungsprozessen berücksichtigt.
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Kompetenzbasierte Ausbildung als
neues Bildungsparadigma (II)
Definition von Verhalten und Verhältnis zwischen Schülern und
Lehrperson:
6) Selbstverantwortung und (Selbst-)Reflexion der Schüler werden
gefördert.
7) Die Lehrkräfte / Berufsbildner erfüllen ihre Rolle als Coach und Experte
gleichermassen in der Schule und in der Praxis.
Die Schüler auf zukünftige Herausforderungen vorbereiten:
8) Die Schüler werden auf das lebenslange Lernen vorbereitet.
(Biemans et al. 2009)
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Studie Indonesien (Hochschulbildung I)
(Nederstigt & Mulder 2012)
=>Gesamtgesellschaftlich: In der paternalistischen und kollektivistischen
indonesischen Kultur soll das Bildungssystem die bestehenden
kulturellen und sozialen Strukturen, wie die Kultur des Gehorsams und der
nationalen Identität, bewahren (Vergleich: Suharto-Regime).
=>Arbeitsmarkt: Verlangt werden Mitarbeiter, die Aufträge von ihren
Vorgesetzten mit einem gehorsamen Haltung ausführen, im Gegensatz
zum westlichen Ideal eines proaktiven und kritischen Mitarbeiters.
=> Es gilt als unhöflich, ältere Personen (wie Lehrer) zu kritisieren,
Studierende dürfen am Arbeitsplatz nur zuschauen und nichts selbst
machen.
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Studie Indonesien (Hochschulbildung II)
(Nederstigt & Mulder 2012)
 Zusammenfassung:
“Ohne Zweifel ist der Bedarf an fähigen Absolventen von grosser
Bedeutung für jedes Bildungsinstitut. Die Notwendigkeit einer
“kritischen“ und “individuellen“ Perspektive der kompetenzorientierten
Ausbildung kann jedoch insbesondere im indonesischen Kontext
angefochten werden. Historische kulturell eingebettete paternalistische
und kollektivistische Praktiken dominieren die indonesische
Gesellschaft und den Arbeitsmarkt. Wenn kompetenzorientierte
Bildung die gesellschaftlichen und arbeitsmarktlichen Bedürfnisse
befriedigen soll, scheint die Vermittlung individueller und kritischer
Werte als ungeeignet für die aktuelle indonesische Gesellschaft.“
(Nederstigt & Mulder 2012: 12)
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SWISS VOCATIONAL EDUCATION AND
TRAINING INITIATIVE INDIA
12.09.2013
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Vergleich: Berufsbildungssysteme
in der Schweiz und in Indien (I)
Schweiz
Indien
Anteil Jugendlicher,
die eine Berufsbildung
absolvieren
Ca. 66% (Sekundarstufe II)
Knapp 2% (Gruppe der 15-24-jährigen)
hatte eine formelle Berufsbildung und
ca. 6% eine informelle Ausbildung (ca.
90% arbeiten im informellen Sektor)
Prestige
Mittel - hoch
Niedrig: Negative Einstellung vis-à-vis
Handarbeit (Arbeiterjobs), Wahrnehmung der Berufsbildung als ‘System nur
für die Armen’ und für ‘bildungsmässig
Zurückgebliebene’ (Schwache) oder
Angehörige niedriger Kasten
Steuerung
Bund, Kantone und ca. 600
Organisationen der Arbeitswelt teilen die Verantwortung
für das Berufsbildungssystem
Auf nationale und föderale
Regierungsagenturen verstreute
Verantwortung
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Vergleich: Berufsbildungssysteme
in der Schweiz und in Indien (II)
Schweiz
Indien
Lehrpläne
Organisationen der
Arbeitswelt (Lead)
Mangelnde Beteiligung der
wirtschaftlichen Stakeholder
Unterrichtsmaterial
Viele Lehrmittel, gute Qualität
Bescheidene Qualität
Ausbildung der
Berufsfachschullehrkräfte
Tertiärabschluss, mindestens
sechs Monate
Berufserfahrung und 1‘800
Stunden Vorbereitung in
Berufsbildungspädagogik
Quasi nicht existent
Ausbildung der
betrieblichen
Ausbildner/innen
EFZ, zwei Jahre Praxiserfahrung,100 Lernstunden für
eidg. Berufsattest in
Pädagogik und Themen mit
Bezug zur Berufsbildung.
Nicht existent
“Ironischerweise geht das Problem der Arbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen in Indien
einher mit einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften im Technik-, Wissens- und
Dienstleistungsbereich.”
(Grigorenko 2007: 176)
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Evaluation
Die Absolventen weisen verbesserte Fachkompetenzen und eine erhöhte
Produktivität auf, einschliesslich verbesserter Soft Skills wie
Selbstvertrauen und Selbstverantwortung.
(Econcept 2013)
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Erfahrungen:
Ausbildung Berufsbildner in den Betrieben
(Experteninterview)
Prinzip: Die Lehrkräfte / Berufsbildner erfüllen ihre Rolle als Coach und
Experte gleichermassen in der Schule und in der Praxis.
Zitat 1: “Die Instruktoren sind sehr wichtig, weil sie im täglichen Umgang mit den
Lernenden sind. Sie müssten eigentlich vorleben, was wir unter einem
eigenverantwortlich arbeitenden Lernenden verstehen. Das ist natürlich ein
Problem, weil sie ja selbst das nicht erlebt haben, weil sie ja damit neu
anfangen. Es braucht vielleicht schon zwei bis drei Arbeitsgenerationen, bis das
ein Bisschen Fuss fasst.“
Zitat 2: “Der Instruktor selbst ist nicht der Fachmann, den es eigentlich bräuchte,
wo sich der Lernende daran orientieren könnte. Sie haben weder die fachlichen
Kompetenzen, die unsere Berufsbildner haben, sie können das zum Teil einfach
nicht, noch haben sie wirklich die sozialen Kompetenzen, um das zu machen.
Sie sind in diesem Sinn kein Vorbild.“
 Keine Kultur “Unternehmen als Ausbildungsbetriebe“
 Berufsbildner haben mangelnde Vorbildfunktion
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Erfahrungen:
Ausbildung Berufsfachschullehrpersonen (II)
(Experteninterview)
Prinzip: Die Lehrkräfte / Berufsbildner erfüllen ihre Rolle als Coach und
Experte gleichermassen in der Schule und in der Praxis.
 Anderes kulturelles Verständnis der Lehrperson bzgl. Selbständigkeit,
Auftreten/ Kommunikation, Methodenvielfalt (kein Coaching)
Zitat 1: “Wenn man die Lehrer fragt, was ist guter Unterricht, was beachtest Du,
dann sie sagen sie immer: vom einfachen zum schwierigen, from simple to
complex. Das ist eine solche Regel. Und etwas anderes, das für sie interaktiv
ist, ist query and answer. Also fragen und hören, was sie sagen. Dann ist es
dann ziemlich erschöpft. Und dann referieren sie, das ist für sie Schule. Der
Lehrer steht vorne, das sind alles gute Lehrerauftritte, das können sie. So haben
sie das gelernt und so geben sie das weiter. Der Lehrer als Begleiter oder als
Coach, der ist nicht so.“
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Erfahrungen:
Ausbildung Berufsfachschullehrpersonen (II)
(Experteninterview)
Zitat 2: “Ich sehe natürlich viel, in den Lehrer- und Instruktorenkursen haben wir
viele Leute gehabt, nach einer Woche müssen wir sagen, nein, die haben es
jetzt eigentlich nicht begriffen. Wenn ich sage, Du musst mir jetzt eine
Modelllektion aufschreiben, mit einer Art eine Präposition, wo man die Zeit sieht,
wo man sieht, was er macht, die Hilfsmittel und auch die Ziele, und auch warum
er das macht, und die Methodik, da kommt ein Elektrofachlehrer und erklärt uns
das Ohm’sche Gesetz. Dann sage ich: Du, ich kenne das Ohm’sche Gesetz. Ich
will nicht wissen, was Du machst, sondern was die Schüler machen. Was
machen jetzt in dieser Phase die Schüler. Oh, aha. Ah, ich habe auch noch
Schüler. Sie sind wahnsinnig auf sich fokussiert als Lehrpersonen. Die Frage,
was macht der Schüler, was geht im Kopf des Schülers vor, ist für sie nicht so
im Vordergrund.“
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Machtdistanz (Power Distance)
Vergleich Schweiz – Indien
90
80
77
70
60
50
40
34
30
20
10
0
Switzerland
India
Quelle:
The Hofstede Center 2013
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Idealtypische kulturelle Unterschiede
zwischen der Schweiz und Indien:
Machtdistanz (Ausbildung / Arbeitsplatz)
Geringe Machtdistanz
Grosse Machtdistanz
Schüler behandeln Lehrpersonen als
gleichwertige Personen.
Schüler bezeugen Lehrpersonen
Respekt, sogar ausserhalb der Klasse.
Lehrpersonen erwarten Initiative von den
Schülern in der Klasse.
Alle Initiative in der Klasse geht von den
Lehrpersonen aus.
Lehrpersonen sollen unpersönliche
Wahrheiten vermitteln.
Lehrpersonen sind Gurus, die Weisheiten
vermitteln.
Lernqualität hängt von ZweiwegKommunikation und Qualität der
Lernenden ab.
Lernqualität hängt von der Qualität der
Lehrperson ab.
Führungskräfte stützen sich auf eigene
Erfahrung und Mitarbeitende.
Führungskräfte stützen sich auf
Vorgesetzte und formale Regeln.
Mitarbeitende erwarten, dass sie
konsultiert werden.
Mitarbeitende erwarten, dass ihnen
gesagt wird, was sie tun müssen.
Quelle: Hofstede, Hofstede & Minkov 2010: 72 / 76
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DISKUSSION
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Diskussion: Kontextsensibilitäten
 Zwei verschiedene Kontextsensibilitäten:
• Bezüglich Inhalte der Ausbildung: Kontextsensibel in Bezug auf den
Arbeitsmarkt sein, da eines der Haupterfordernisse darin besteht, am
Arbeitsplatz nötige Kompetenzen zu identifizieren und zu beschreiben
- Welche Art Kompetenzen benötigen indische Unternehmen
tatsächlich?
• Bezüglich Unterricht: Kontextsensibel in Bezug auf das philosophische
Verständnis der idealen Person in einem anderen kulturellen Kontext sein
- Führen Vorstellungen des idealen proaktiven, unternehmerischen,
innovativen und kritischen Individuums, die auf sozialkonstruktivistische
Konzepte zum Lehren und Lernen und Verhalten von Lehrpersonen
und Schülern zurückgreifen, zu einem falschen Universalismus?
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Diskussion: Übersetzungen
(Translations)
Das soll nicht heissen, dass wir nicht von den Erfahrungen der anderen
lernen können, aber es ist wichtig, Feinheiten zu berücksichtigen, und der
kontextuellen Sensibilität des Lernprozesses grosse Bedeutung
beizumessen.
(Crossley 2000: 324)
Welche Elemente in waren leichter übertragbar als andere?
 Prestige für den in Indien sehr prestigearmen Bereich der Berufsbildung mit
der Vergabe des Labels Swiss Skilled
 Verstärkte Sensibilisierung für die pädagogische Aufgabe der Unternehmen
bzgl. Ausbildung ihrer Mitarbeiter
 Stärkere Anlehnung der Lehrpläne an die Ansprüche der Unternehmen
 Besseres Lehrmaterial
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