Diatopische Dimension der Variation

Report
Diatopische Dimension der
Variation
Seminar Varietätenlinguistik
23. Mai 2013
Christine Paasch-Kaiser
Themen
• Stellen Dialekte/diatopische Varietäten eine
homogene Einheit dar?
– Diatopische und diastratische Variation
• Sekundäre Dialekte, Standardsprache und
tertiäre Dialekte
• Sprache vs. Dialekt: Kriterien und Funktionen
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Die Varietäten einer historischen
Sprache nach Coseriu - 1
• 3 Arten von inneren Unterschieden in einer
historischen Sprache (1980: 111)
– Unterschiede im geographischen Raum:
diatopische Unterschiede
– Unterschiede zwischen den sozial-kulturellen
Schichten: diastratische Unterschiede
– Unterschiede zwischen den Sprechsituationen:
diaphasische Unterschiede
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Die Varietäten einer historischen
Sprache nach Coseriu - 2
• Weitgehend homogene Einheiten der Variation
– Dialekte bezeichnet, d.h. als homogene Einheiten
bezogen auf einen Ort oder eine Gegend, also nicht
auf den gesamten geographischen Raum;
– Sprachniveaus (auch Soziolekte) bezeichnet, d.h. als
homogene Einheiten bezogen auf eine soziokulturelle
Schicht oder eine soziale Gruppe, also nicht auf die
Gesellschaft als ganzes;
– Stile (oder Register) bezeichnet, d.h. also homogene
Einheiten bezogen auf einen Sprechsituationstyp.
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Diatopische Varietäten
• Sprachliche Varietät mit begrenztem
räumlichen Geltungsbereich (Dialekt)
• Überwiegend in der gesprochenen Sprache
• Dialekt: keine standardisierte Varietät (keine
offizielle Norm: orthographische und
grammatische Regeln)
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Zum Begriff dialecto
Die Auffassungen über die Abgrenzung von Varietäten
(sp. variedades) sind v. a. im Hinblick auf die
diatopische Variation […] sehr unterschiedlich; dies
hängt auch mit den auseinandergehenden Ansichten
darüber zusammen, was unter Dialekt (sp. dialecto) zu
verstehen ist. Die Klassifikation einer variedad als
dialecto hat(te) politische Implikationen; dialecto
wurde lange auch auf die anderen Sprachen Spaniens
angewandt, deren Unterordnung unter das Kastilische
damit gerechtfertigt erschien; damit einher geht bis
heute ein in der Bevölkerung oftmals sehr ungenaues
Bild über die dialektale Gliederung der Sprache(n)
(Sinner 2011: 62).
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Diastratische Varietät
• Sprachliche Varietät, die für eine soziale
Gruppe charakteristisch ist (Soziolekt):
– Bildungsschicht, Geschlecht, Alter, Berufsgruppe,
ethische Gruppe
• Arten von Soziolekten
– Schichtenspezifisch (elaborierter Code vs.
restingierter Code)
– Gruppensprachen (z. B. Jugendsprache)
– Sondersprachen (z. B. Geheimsprachen)
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Abgrenzbarkeit der Varietäten - 1
„Die diatopischen, diastratischen und
diaphasischen Unterschiede treten in der
historischen Sprache miteinander kombiniert auf:
für jede Mundart [Dialekt] kann man
Sprachstufen [Sprachniveaus] und Sprachstile
feststellen; für jede Sprachstufe mundartliche
und stilistische Unterschiede, usw. […] Gerade
diese Gestaltung von Mundarten [Dialekt] ,
Sprachstufen [Sprachniveaus] und Sprachstilen
nenne ich die Architektur einer historischen
Sprache“ (Coseriu 1976: 28-29).
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Abgrenzbarkeit der Varietäten - 2
„Es sei aber bemerkt, daß all diese Unterscheidungen
der historischen Sprache nur in der schematischen
Darstellung voneinander getrennt erscheinen. In der
Sprache selbst stellen sie vielmehr ein Kontinuum
dar. D.h. man hat verschiedene ineinandergreifende
Niveaus, bei jedem Niveau z.T. zusammenfallende
Sprachstile, Unterschiede im Raume und
ineinandergreifende syntopische Einheiten, d.h.
Dialekte, und zwar von dreierlei Art: primäre,
sekundäre und tertiäre Dialekte“ (Coseriu 1980:
114).
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Dialekt = homogene Einheit?
• Sprachgeographie: Teildisziplin der Dialektologie
• Festlegung von (mehr oder weniger) homogenen
Dialektgebieten über Isoglossen:
– Grenzen der Geltungsareale von bestimmten
sprachlichen Merkmalen
• Probleme:
– Ist die Ortsmundart eine homogene Einheit?
– Gibt es eine (homogene) Einheit über der
Ortsmundart?
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Probleme der Sprachgeographie
• Es gibt keine homogenen Einheiten über den
Ortsdialekten:
– Immer nur Übereinstimmung von Teilsystemen
– Zusammenfassen der Ortsmundarten, die gewisse
Merkmale gemeinsam haben: höhere Einheit
(Dialektgebiet)
• Entlang historischer Grenzen = soziale Grenzen =
Dialektgrenzen?
• Nach externen Kriterien
– Zusammenfassen jener Ortsmundarten, die sich am
wenigsten von einander unterscheiden
• Ähnlichkeitsmaß (kein Wissen über die sprachlichen
Merkmale der Ähnlichkeit)
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Bei allen Dialektgebieten geht es um eine
Zusammenfassung von Ortsdialekten aufgrund
gewisser Kriterien, es geht um „Typen“, es geht
nicht um funktionierende Sprachsysteme
(Haas 2011: 13).
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Probleme der Sprachgeographie
• Es gibt keine homogenen Ortsdialekte
• Versuch, Homogenität über die Gruppe der Befragten
herzustellen:
– Ältere, ortsfeste, eher bildungsferne Personen
– Männer oder Frauen: Meinungen unterschiedlich, wer
geeigneter ist
– Ortsfeste Personen:
• Garantie der ortsüblichen Sprache
– Bildungsferne Personen:
• Möglichst wenig Einfluss der Standardsprache
– Ältere Personen:
• Möglichst archaisches Material
– Anzahl der Informanten: 1 bis 2 Personen pro Ort
– teilweise waren Gewährspersonen keine Ortsansässigen
• für vergleichbare Ergebnisse müssen außersprachliche
Variablen kontrolliert werden
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Probleme der Sprachgeographie
• Entdeckung: Alter der Sprecher relevant für
Sprachgebrauch
– z.B. bei Gilliéron, Bremer, Gauchat
=> keine Einheitlichkeit im Ortsdialekt:
– Inexistenz von Dialektregionen und
Ortsmundarten
– Soziale Unterschiede müssen berücksichtigt
werden:
• Alter, Geschlecht usw.
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Sprachtheoretisches Problem
Wieso soll nur die Sprache eines
Gesellschaftsausschnitts erhoben werden, die
Sprache anderer Ausschnitte dagegen nicht –
wenn man doch weiß, dass die Einheit des
Ortsdialekts fragwürdig ist? (Haas 2011: 16)
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Ergebnisse der Sprachgeographie aus
heutiger Perspektive
• Einseitig
• Unvollständig
• Wertvoll: abschätzbar und vergleichbar mit
neuerem Material
Nur Ausschnitt aus der Gesellschaft
Unvollständige „Versuchsanordnung“ (Haas 2011)
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Fazit Haas 2011
• Über die geographische Variation lassen sich
auch andere Arten der Variation feststellen:
müssen berücksichtigt werden
– Die geographische Varianz ist nur eine unter vielen
Arten der Variation
– Aber offensichtlich immer noch die grundlegende
Varianz
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Abgrenzung diatopischer und
diastratischer Varietäten
• Klare Abgrenzung schwierig
• Dialekte weisen immer soziale Unterschiede auf,
an jedem Ort (Männer vs. Frauen, alt vs. jung
usw.)
• Dialekte werden z.T. als „regional bestimmte
Soziolekte“ interpretiert
– Der Begriff ‚Dialekt‘ impliziert nicht mehr nur den
außersprachlichen Faktor Raum, sondern meist
ebenso den Faktor soziale Schicht (Linke u.a. 1991:
305)
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Dialekt vs. Soziolekt
• Deshalb oft negative (soziale) Markierung
– Dialekt sprechen = „sich outen“
– Dialekt = Sprecher sozial niederer Schicht
• Unterschiedliche Wahrnehmung abhängig vom
Dialekt
– Kulturelle und gesellschaftliche Ursachen
• Dialekt kann stereotypische Assoziationen
hervorrufen
– Rangordnung der Dialekte:
• Sächsisch „unbeliebt“ => diastratische Assoziation („dumm“,
ungebildet usw.)
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Dialekt-Rangliste: Deutsche mögen Sächsisch nicht
Sächsisch ist der unbeliebteste Dialekt in Deutschland, noch vor Berlinerisch und
Kölsch. Überraschend gut können die Bundesbürger dagegen Bayerisch leiden - doch
die populärste Mundart kommt nicht aus dem Südosten, wie eine aktuelle Umfrage
zeigt.
Wer Sächsisch spricht, hat es manchmal schwer: Mal bucht man Bordeaux statt Porto,
und im Rest Deutschlands meinen vermeintliche Sprachgenies, schlecht imitiertes
Sächsisch sei ein brillanter Partygag. Und nun müssen die Sachsen auch noch eine
andere traurige Nachricht hinnehmen: Ihr Dialekt ist der unbeliebteste in
Deutschland.
Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov
hervor, für die im September 1048 Bundesbürger befragt wurden. Demnach
bezeichnen nur acht Prozent aller Deutschen Sächsisch als ihren Lieblings-Dialekt.
Ebenfalls nicht viel besser wurden Berlinerisch (11 Prozent) und Kölsch (13 Prozent)
bewertet.
Mit den Dialekten im Norden und Süden können sich die Deutschen dagegen am
meisten anfreunden: Bayerisch mögen 27 Prozent der Befragten am liebsten, noch
besser gefällt den Deutschen nur noch Norddeutsch. Die Mundart, wie sie zum
Beispiel Hamburger sprechen, ist der Liebling von 29 Prozent.
Ein etwas anderes Bild bietet sich, unterscheidet man zwischen Ost- und
Westdeutschen. Wenig überraschend stehen im Osten Deutschlands Sächsisch und
Berlinerisch hoch im Kurs, im Westen sind es dagegen Bayerisch und Kölsch. Nur bei
Norddeutsch waren sich offenbar alle einig.
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/dialekte-saechsisch-ist-unbeliebteste-mundart-der-deutschen-a-859108.html [2.10.2012]
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Dialekt vs. Soziolekt
• Striktes Raumkonzept funktioniert nicht mehr
aufgrund der sozialen Mobilität
– Soziale Gruppe geht an einen Ort (z. B.
Reiche/Arme ziehen in ein bestimmtes
Stadtviertel, Zuwanderer lassen sich an einem
bestimmten Ort nieder)
Relativierung des unidimensionalen
Raumkonzepts
Diastratische Dimension muss in der Diatopie
immer mit berücksichtigt werden
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Sekundäre Dialekte, Standardvarietät und
tertiäre Dialekte
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Diatopische Dimension nach Coseriu
(1980)
Primärer Dialekt
Gemeinsprache
Sekundäre Dialekte
Standardsprache
Tertiäre Dialekte
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Sekundäre Dialekte
• Neue diatopische Differenzierungen der
Gemeinsprache
• spanische Gemeinsprache (Kastilisch)
 Andalusisches Spanisch
 Kanarisches Spanisch
 Lateinamerikanisches Spanisch
• französische Gemeinsprache
 français régionaux (Frankreich, z.b. français régional du
Midi)
 Belgisches Französisch
 Schweizer Französisch
 Kanadisches Französisch
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Standardvarietät
• Coseriu spricht von Standardsprache
– „das Exemplarische einer Sprache“ (1980: 113)
– eine Form der Gemeinsprache, die zur
soziokulturellen Norm erhoben wird
– d.h. eine Form der Gemeinsprache wird als
Standardvarietät festgelegt
– wird an den verschiedenen geographischen
Orten/Gegenden unterschiedlich realisiert: neue
diatopische Unterschiede
– Differenz nicht so groß, dass Verständigung unmöglich
wird
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Standardvarietät
• Kann räumlichen Ursprung haben, aus gesprochener
Varietät hervorgehen
– z. B. Französisch der Île de France (offizielle Normung im
17. & 18. Jht.)
– z. B. Spanische Madrids (offizielle Normung im 18. Jht.)
– z. B. Englische Londons (keine offizielle Normung)
• Kann aber auch „künstlich“ geschaffen werden
(z. B. auf der Basis geschriebener Sprache)
– z. B. Katalanisch (offizielle Normung Ende des 19. bzw.
Anfang des 20. Jhts.)
– z. B. Baskisch „euskara batua“ (offizielle Normung im 20.
Jht.)
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Standardsprache(n) und präskriptive
Normen
[…] daß Standards und präskriptive Normen
[…], also gewissermaßen ‚Kunstsprachen‘ sind,
die zwar eine regionale Basis haben, aber
deren ‚Ort‘ zunächst einmal die Literatur ist
(Lebsanft 2004: 213, Fn. 6).
=> Literatur als primärer Ort der Realisierung
des Standards bzw. der präskriptiven Normen
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Standardvarietät
• Der Standard (des Spanischen) ist eine
Sprachform:
„die keine (oder keine starke) diatopische
Markierung (mehr) trägt, die diastratisch
relativ hoch angesetzt ist und höheren
diaphasischen Registern zugeordnet werden
kann“ (Oesterreich 2001: 294).
=> Mehr oder weniger unmarkierte Sprachform
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Tertiäre Dialekte
• diatopische Unterschiede in der Realisierung
der Standardvarietät, z.B.
– andalusische Form der Standardvarietät
(≠ Madrid)
– bayrische Form der Standardvarietät
(≠ Niedersachsen)
– Standardvarietät des Französischen bei Sprechern
aus dem Midi, Alsace, Lorraine usw.
(≠ Île de France)
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• Als was ist das Spanische in den
zweisprachigen Regionen (z. B. in Katalonien)
zu interpretieren?
– Als sekundärer Dialekt?
– Als tertiärer Dialekt?
– Als etwas vollkommen anderes?
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Beispiel Katalonien
• Modell Coserius ist idealisierend:
– Übergang primärer zu sekundären Dialekte
– Übergang sekundärer zu tertiären Dialekte
• Bestimmte Faktoren bleiben unberücksichtigt
– Sprachkontakt
– Aufeinandertreffen von einem Primärdialekten
und einem Sekundärdialekt, die Interaktion
zwischen einem Sekundärdialekt und
Tertiärdialekt, Aufeinandertreffen verschiedener
tertiärer Dialekte (Sinner 2001: 13; 2011: 63).
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Beispiel Katalonien
• Vielzahl unterschiedlich konstituierter Varietäten treten in
Kontakt
• Zusammentreffen mit unterschiedlichen Varietäten des
Katalanischen
Problematisch von EINEM tertiären Dialekt des Kastilischen
= katalanische Varietät zu sprechen (tertiärer Dialekt =
regionale Realisierung der soziokulturellen Norm /
Standardsprache)
Faktoren: zunehmende Beschulung, Ausweitung des
Einflusses der Zentralregierung, Maßnahmen zur
Unterdrückung des Katalanischen, massive Immigration im
20. Jht. (hauptsächlich die niedrigsten sozialen Schichten,
aber auch Verwaltung, Bank, Polizei, Staatsverwaltung)
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Beispiel Katalonien
• Zuwanderer v.a. Sprecher eines sekundären Dialekts des Kastilischen
(Andalusisch) in regionalen Ausprägungen (Almería, Córdoba, Granada,
Jaén, Sevilla)
• Auch Sprecher aus Extremadura, Galicien, Valencia, Murcia, Aragón,
Baskenland
• Kategorisierung der Sprechergruppen nach Coseriu (Sinner 2001: 15):
– Sprecher der Standardsprache (sekundärer Dialekt des Kastilischen als
Gemeinsprache, der als sozio-kulturelle Norm gilt)
– Sprecher eines regionalen – sekundären – Dialekts (Andalusier, Kanarier usw.)
– Sprecher eines tertiären Dialekts des Kastilischen als Gemeinsprache
(Sprecher des andalusischen, madrilenischen, extremeñischen usw. als
regionalen Standard)
– Sprecher sekundärer und tertiärer Dialekte anderer historischer Sprachen
(Galicisch, Baskisch, Katalanisch) mit unterschiedlicher Beherrschung eines
sekundären oder tertiären Dialekts des Kastilischen
– Monolinguale Sprecher von Varietäten des Kastilischen, gesprochen wie in den
zweisprachigen Regionen Spaniens
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Beispiel Katalonien
• Keine Homogenität innerhalb des katalonien gesprochenen
Kastilisch
– Kastilisch seit Jahrhunderten Familiensprache
– Kastilisch nur Schulsprache (so gut wie keine andere Domäne)
Kastilisch in Katalonien
Kein primärer Dialekt
Kein sekundärer Dialekt des Kastilischen
Kann auch nicht lediglich auf der Ebene des tertiären
Dialekts erfasst werden (keine regionale Realisierung des
Standards)
Standardsprache (Vorbildfunktion) trifft mit von
einwandernden Kastilischmuttersprachlern gesprochenen
sekundären und tertiären Dialekten und den Varietäten des
Kastilischen der Zuwanderer aus zweisprachigen Regionen
zusammen (Sinner 2001: 16)
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Sprache vs. Dialekt
• Lüdtke (2001):
• […] weil die Sprecher letztlich darüber entscheiden, was eine
„Sprache“ ist […].
• Eine […] Sprache ist eine Sprache, die die Sprecher als solche
anerkennen. Sie erkennen sie an, indem sie ihr einen Namen geben:
„langue française“, „lengua española“ oder „castellana“ […].
• Unter den romanischen Sprachen erkennen die Sprecher in dieser
Weise ganz fraglos Sprachen an, die zugleich Standardsprachen und
Sprachen von Nationalstaaten sind […].
• Solchen Standardsprachen von Nationalstaaten werden ferner
Sprachen zugeordnet, die außerhalb eines Nationalstaats
gesprochen werden, wenn sie keine eigene Standardsprache
herausgebildet haben (Dakorumänisch und Istrorumänisch zu
Rumänisch)
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Sprache vs. Dialekt
• Daß Standardsprachen als Nationalsprachen von Nationalstaaten
entstanden sind, schließt nicht aus, daß es Nationalstaaten gibt, in
denen eine primäre identitätsstiftende Nationalsprache eines
anderen Nationalstaates ebenfalls verwendet wird (z.B.
hispanoamerikanische Staaten).
• Ihre Identität als Nationalstaaten müssen diese Staaten daher auch
noch auf anderem Wege finden.
• Es entstehen aber auch Standardsprachen innerhalb von
Nationalstaaten mit anderen Sprachen, die deshalb dann selbst
keine Eigenstaatlichkeit haben (Katalanisch, Baskisch)
• [Manchmal bildet sich einen] allen Gebieten gemeinsame
kodifizierte Standardsprache heraus [….], ohne daß die Sprecher all
dieser Gebiete das Bewußtsein einer sprachlichen Gemeinsamkeit
hätten.
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Sprache vs. Dialekt
• Eine romanische Sprache wird von ihren Sprechern nicht
primäre durch ihren Abstand zu anderen romanischen
Sprachen abgegrenzt. „Abstand“ bedeutet die Zahl der
Merkmale, die eine Sprache von einer anderen
unterscheidet.
• […] so waren es im wesentlichen außersprachliche
Bedingungen, die eine ehemals kleinräumig verbreitete
Sprache zu einer Standardsprache werden ließen.
• Weil sich eine romanische Sprache nur durch ihre
Geschichte als eigene Sprache bestimmen läßt und diese
Geschichte in den verschrifteten Sprachen Europas, nicht
nur der romanischen, zu Standardsprachen oder zu
Sprachen geführt hat, die auf dem Wege der
Standardisierung sind […].
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Sprache vs. Dialekt
• Ausgangspunkt: Standardisierung
• Standardisierung [darf] nicht nur von denen vertreten
[werden], die sie vorschlagen. Sie muss von anderen
Sprechern anerkannt und übernommen werden.
• Anerkennung einer Sprache als Standardsprache ohne
jede Einschränkung. Wir stellen in ihrer Geltung viele
Abstufungen fest.
• Die Anerkennung ist eine politische Frage
• Kriterium der eingeschränkten Anerkennung einer
kodifizierten Standardsprache durch ihre Sprecher
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Sprache vs. Dialekt
• Als maßgeblich sind in dieser wie in allen anderen Fragen
die Sprecher anzusehen.
• … das, was sie als Sprecher tun. Für das jeweilige Sprechen
des einzelnen gibt es den Unterschied zwischen Sprache
und Dialekt nicht. […] Etwas anderen ist es, ob das
Sprechen des einzelnen einer anderen Sprache zu- oder
untergeordnet wird. In diesem Fall können Sprecher ihre
Sprache entweder als eigene historische Sprache
betrachten oder aber sie einer anderen Sprache
unterordnen.
• Aus der Sprecherperspektive: Kriterium: wie die Sprecher
eine Sprache zuordnen (z.B. Galicisch zum Spanischen oder
zum Portugiesische oder als eigene Sprache betrachten)
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Sprache vs. Dialekt
• Das Okzitanisch […] kennt neben einer Vielzahl von Dialekten eine
kodifizierte Standardsprache, die aber die meisten Sprecher nicht
beherrschen.
• Neuere romanische Sprachen: Die Sprecher kennen oft nicht die
Kodifizierungsbemühungen oder sehen keinen Sinn darin.
• Eine romanische Sprache ist eine kodifizierte Standardsprache, die
eine Fortsetzung des Lateins ist.
• Sprachen finden bei ihren Sprechern eine sehr unterschiedliche
Anerkennung
• Kriterien: Standardsprache und Kodifizierung
• Die Standardisierung ist Ausdruck einer Identität, deren Grundlage
wir in der Geschichte der jeweiligen Sprachgemeinschaft suchen
müssen.
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Polyzentrische Standardsprachen
• Kloss (1976: 310):
• d.h. den Fällen, wo wir zwei Varietäten der gleichen
Standardsprache haben, die beide auf den [sic] gleichen Dialekt
oder zwei ganz eng verwandten Dialekten beruhen. Solche
polyzentrischen Standardsprachen finden wir dort, wo eine Sprache
in zwei oder mehr räumlich getrennten Staaten vorherrscht – man
vgl. z.B. amerikanisches und britisches Englisch oder den eben
genannten Fall des Portugiesischen in Europa und Südamerika –
ferner dort, wo politische Umstände dazu geführt haben, daß sich
in zwei benachbarten Gebieten zwei schriftsprachliche Spielarten
der gleichen Sprache herausgebildet haben wie beim Serbischen
und Kroatischen, beim Rumänischen und Moldawanischen, und
jüngestens bei Deutschen der Bundesrepublik und der DDR.
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Polyzentrische Standardsprache
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Ausbausprache
• [Tschechisch und Slowakisch sind] zwei
Ausbausprachen, die nicht zugleich
Abstandsprachen sind. Ihnen liegen Dialekte
zugrunde, deren Sprecher, gehörten sie einer
schriftlosen Gesellschaft an, von den Linguisten
sicherlich als Angehörige einer einzigen
Sprachgemeinschaft betrachtet werden würden.
Sie haben aber stattdessen zwei literarische
Standardvarietäten geschaffen, die auf
unterschiedlichen Dialekten beruhen und daher
durchgehende Verschiedenheiten aufweisen […]
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Bibliographie
Coseriu, Eugenio (1980): 'Historische Sprache' und 'Dialekt'. In: Joachim Göschel / Pavle Ivic / Kurt
Kehr (Hrsg.). 106-122 [Wieder erschienen 1988a in: Jörn Albrecht et al. (Hrsg.). Bd. 1. 45-61.].
Coseriu, Eugenio (1976): Das romanische Verbalsystem. Tübingen: TBL.
Göschel, Joachim / Norbert Nail / Gaston Van der Elst (Hrsg.) (1976): Zur Theorie des Dialekts.
Aufsätze aus 100 Jahren Forschung mit biographischen Anmerkungen zu den Autoren.
Wiesner: Steiner.
Haas, Walter (2011): „Ist Dialektologie Linguistik?“. In: Elvira Glaser / Jürgen Erich Schmidt /
Natascha Frey (Hrsg.): Dynamik des Dialekts -- Wandel und Variation. Akten des 3. Kongresses
der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen (IGDD). Stuttgart: Steiner, 922.
Kloss, Heinz (1976): „Abstandsprachen und Ausbausprachen“. In: Göschel / Nail / Van der Elst
(Hrsg.). 301-322.
Lebsanft, Franz (2004): Plurizentrische Sprachkultur in der spanischsprachigen Welt, in: Alberto
Gil, Dietmar Osthus, Claudia Polzin-Haumann (Hgg.), Romanische Sprachwissenschaft.
Zeugnisse für Vielfalt und Profil eines Faches. Festschrift für Christian Schmitt zum 60.
Geburtstag, Frankfurt a. M. 2004, S. 205-220.
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Bibliographie
Lüdtke, Jens (2001): Die romanischen Sprachen. Unter:
http://www.latinistik.de/linguae/linguae.htm
Oesterreicher, Wulf (2000): „Plurizentrische Sprachkultur – der Varietätenraum des
Spanischen“. Romanistisches Jahrbuch 51, 287–318.
Pöll, Bernhard (2005): Le français langue pluricentrique? Études sur la variation
diatopique d‘une langue standard. Frankfurt a.M u.a.: Peter Lang.
Sinner, Carsten (2011): „Artikel 8: Varietäten des Spanischen: Europa“, in: Joachim
Born / Robert Folger / Christopher F. Laferl / Bernhard Pöll (Hrsg.) (2011): Handbuch
Spanisch. Sprache, Literatur, Geschichte in Spanien und Hispanoamerika. Für
Studium, Lehre, Praxis. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 62-72.
Sinner, Carsten (2001): „Zur Terminologie in der Sprachkontaktforschung: Bilinguismus
und Diglossie, Interferenz und Integration sowie tertiärer Dialekt“. In: Gerda Haßler
(Hrsg.) (2001): Sprachkontakt und Sprachvergleich. Münster: Nodus, S. 125-152.
Spiegel (2012) = http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/dialekte-saechsischist-unbeliebteste-mundart-der-deutschen-a-859108.html [2.10.2012].
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• (Warum) Ist das amerikanische Spanisch ein
sekundärer Dialekt des Kastilischen?
• Ist das amerikanische Englisch ein sekundärer
Dialekt des britischen Englisch?
– Kann das Modell von Coseriu auf das Englische
(das Portugiesische, das Französische usw.)
übertragen werden?
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Entwicklung des Spanischen in
Lateinamerika
• Nach Pöll (2005: 65-79)
• Eroberung in drei Etappen:
– Antillen (1492-1520)
– Mexiko (1520-1531) = Nueva España
– Peru (1531-1556) = Nueva Castilla (Kolumbien, Ecuador, Bolivien, Chile usw.)
• Hauptgruppe der Einwanderer: Andalusier
=> andalusische Merkmale z. B. seseo
=> besonders dominant z.B. in der Karibik
=> weniger wichtig z.B. im Andenraum
• Herausbildung einer eigenen Koiné (ab ca. 1650) mit bestimmten
Merkmalen
• Geographische Unterschiede aufgrund mehr oder weniger intensivem
Kontakt mit der Hauptstadt, z.B. in Lima oder Mexiko
=> weniger Einwanderer aus dem Süden
=> Re-Kastilisierung durch Einwanderer in diesen Gebieten
=> starke literarische Aktivität
=> unterschiedlicher Einfluss durch Substrat indigener Sprachen
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Entwicklung des Spanischen in
Lateinamerika
• Bis 1770 keine Sprachpolitik, die Verbreitung des
Spanischen vorsieht
• Ab 1770 (Carlos III): Modell des Spanischen ist das der Real
Academia Española (RAE)
=> Standard auf der Basis des madrilenischen Dialekts
• Mit Unabhängigkeitsbestrebungen: Aufwertung
bestimmter regionaler Merkmale (z.B. seseo, yeísmo)
• Versuche sich vom spanischen Standard zu distanzieren, z.
B. in Chile (Orthographiereform)
• Gegenbeispiel: Andrés Bello => sucht mit seiner Grammatik
die Einheit des Spanischen zu bewahren: habla culta
(Gebrauch der gebildeten Menschen) mit regionalen
Elementen
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48
Entwicklung des Spanischen in
Lateinamerika
•
•
•
Ausgründungen von assoziierten Akademien zw. 1871 und 1943
Unterschiedliche Positionen darüber, wie viel Regionales die Norm /
Standardvarietät haben darf (Amado Alonso & Henríquez Ureña: habla culta =
korrekt vs. Cuervo: größere Konformität mit spanischer Norm)
Mitte des 20. Jhts.: Prozess der Legitimierung des amerikanischen Spanisch
beginnt
– Die formellsten Varietäten der hispanophonen Länder erlangen den Status von
Standardvarietäten => normas cultas nacionales
– Forschungsinteresse daran entsteht
•
Pöll geht von 3 Arten des Standards / der Normen aus
– Nationale Normen: Merkmale, die im Spanischen eines Landes auftreten und prestigereich
sind: diatopisch nicht markierter Standard (z. B. bus in Kolumbien, ómibus in Uruguay)
– Regionale Normen: umfasst verschiedene Staaten: urbane Zentren als Mittelpunkt, die
ausstrahlen (z. B. Río de la Plata m. Buenos Aires; Anden m. Lima u. Bogotá; Mittelamerika m.
Mexiko)
– Hispanoamerikanische Norm: in bestimmten Lebensbereichen: hispanoamerikanische
Uniformität im Sprachgebrauch der gebildeten Menschen (z. B. im Bereich ELE, Medien u.
Filmindustrie) (cf. Lebsanft 2004)
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Entwicklung des Spanischen in
Lateinamerika
• Besonderheiten des spanischen
Plurizentrismus
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